Einstellungen und HaltungenGefühle

Akzeptieren was ist

Samenschirmchen lösen sich von einer Pusteblume

Heute war es wieder so: ich war verletzt, fühlte mich nicht gesehen. Wenn so was passiert, wünsche ich mir, dass es schnell vorbeigeht, so schnell wie irgendmöglich. In letzter Zeit fällt mir das mehr auf, weil ich mich immer öfter aus der Verstrickung in meine Gedanken oder Gefühle lösen kann. Aber das allein ist zu wenig. Auch wenn mir bewusst ist, dass ich einen Schmerz fühle – was mache ich jetzt damit?

Ich möchte lernen, mein “Innenleben” zu akzeptieren. Es geht darum, Angst, Zorn, Trauer und Schmerz nicht zu ignorieren versuchen, sondern mich ihnen zuzuwenden.

Gedanken und Gefühle akzeptieren

Die Hoffnung dahinter ist: wenn ich meine schwierigen Gedanken und Gefühle wahrnehme, sie beobachte und beschreibe, entsteht eine neue Beziehung zu ihnen. Ich kann mein Verhalten dann leichter an meinen persönlichen Werten ausrichten, auch wenn dieser Schmerz da ist.

Akzeptanz hilft uns, unsere Arme weit auszubreiten und das sogenannte Schlechte mit dem sogenannten Guten zu empfangen. So öffnen wir unsere Fähigkeit zu fühlen, zu spüren und uns zu erinnern. Wir lernen, gut zu FÜHLEN, anstatt nur GUT zu fühlen.
Steven Hayes

Mein Verstand versucht durch , wie jeder brave Verstand, schlechte Erfahrungen zu verhindern und mich möglichst unverwundbar zu machen. (1) Weil ich aber weiß und wieder und wieder leidvoll erfahren habe, dass das bei inneren Verletzungen kein guter Weg ist, mache ich eine Übung von Steven Hayes:

Mentales Training: Akzeptieren durch liebevolle Zuwendung

Ich versenke mich eine Weile (Steven Hayes schlägt mindestens eine Minute vor) in eine der folgenden Vorstellungen:

  • ich betrachte meinen Schmerz so, wie ich ein wertvolles Kunstwerk betrachten würde
  • ich umarme und halte die verletzte Stelle meines Körpers, wie ich ein weinendes Kind umarmen würde. So wandere ich im Raum herum, erlaube mir Selbstmitgefühl
  • ich atme in die schmerzende Stelle und atme gleichzeitig meine Erfahrung ein wie einen tiefen Atemzug
  • ich trage meine Wunden und Narben so bei mir, wie ich ein Bild in meinem Portemonnaie bei mir tragen würde

Auf dieser Basis kann ich dann meine Sichtweise erweitern, über das Gefühl der Verletzung hinaus die Wahrnehmung mithilfe weiterer Übungen von Steven Hayes vertiefen.

Akzeptieren durch einen weiteren Blick

Ich frage mich:

  • Gab es jemanden in meiner Familie , die oder der sich mit etwas Ähnlichem wie dieser Verletzung herumgeschlagen hat? Wenn ja, kann ich mir diese Erinnerung ins Bewusstsein bringen um ihre Erfahrungen mit Mitgefühl zu betrachten?
  • Gibt es einen Gedanken, der mit dieser Verletzung verbunden ist? Im Moment ist das der Gedanke “immer werde ich alleingelassen”. Ich nehme diesen Gedanken wahr und akzeptiere, dass er da ist. Ich denke daran, dass es nur ein Gedanke ist und setze mich nicht inhaltlich damit auseinander, lasse jedes Gefühl des Kampfes damit fallen. Es ist einfach ein altes Muster.
  • Auf was in meinem Herzen deutet dieser Schmerz und meine damit verbundenen Kämpfe hin? Was sagt diese innere Wunde über meine Werte und Schwachstellen aus? Sie berichtet von meiner Sehnsucht nach authentischer Verbundenheit, nach geliebt werden, wie ich bin. Ich nehme mir die Zeit, genauer hinzuspüren. Was schlägt mein Herz vor zu dem, was ich mir wünsche? Indem ich der Sehnsucht nach Geliebtwerden Raum gebe, werden auch die Bedürfnisse meines Partners fühlbar für mich, ich kann sie liebevoll ansehen.

Die Geschichte zu meiner Verletzung

Ich stelle mir vor, ich sehe den Helden in einem Roman oder Film in einer ähnlichen Situation. Wie könnte der Held diese Erfahrung nutzen, um dadurch weiser oder lebendiger zu werden? Ich schaue als entferntes und weiseres Selbst einfach freundlich zu, um zu entdecken, was in diesem Erlebnis sein könnte, das ihm und damit auch mir auf meinem Weg helfen würde? Vielleicht ist er in eine Kultur von Lebewesen geraten, die ganz anders reagieren als er. Und wie im Film “Und täglich grüßt das Murmeltier” muss er immer wieder diese Situation erleben, bis er begreift, dass Selbstliebe und Verbundenheit mit den Wesen, mit denen er zu tun hat, ihn daraus erlösen können. Er akzeptiert die Verletzung als Bestandteil seines Leben in dieser Kultur und ist sich gleichzeitig der Möglichkeiten bewusst, die sie ihm bietet.

Sich öffnen

Das Bild des Helden zeigt mir meine Möglichkeiten. Es geht nicht darum, bestimmen zu wollen, was ich fühle. Es geht um Offenheit für meine Gefühle.

Aus der Positiven Psychologie wissen wir, dass es am besten für uns ist, wenn wir unsere gesamten Erfahrungen, einschließlich unserer Schmerzen, annehmen, anstatt dagegen zu kämpfen. (2) Dann können wir in der Gegenwart voll und ganz fühlen. Unsere Wahrnehmung öffnet sich. Und wir verfügen über einen reichen Schatz von Erinnerungen.

Wenn wir das, was ist, nicht akzeptieren, versinken wir möglicherweise stattdessen in einem negativen Geflecht von Gedanken über Vergangenheit und Zukunft.

Akzeptieren von Verletzlichkeit ist wie die das Betrachten einer zarten Blume. Verletzlichkeit ist der Geburtsort von Liebe, Zugehörigkeit, Freude, Empathie. Brené Brown

Damit ist nicht gemeint, dass wir allem zustimmen sollen, als schicksalsgegeben hinnehmen sollen. Selbstverständlich macht es Sinn, Lebensumstände zum Besseren zu verändern, wann immer es möglich ist. Aber eben auf der Basis der Anerkennung oder Akzeptanz dessen was ist. Wenn wir ein Haus bauen wollen, macht es Sinn zu schauen, welcher Untergrund dafür da ist. Und wenn das Erdreich ungünstig ist (vielleicht ist es ja durch schädliche Chemikalien verseucht), hilft es nicht, das zu ignorieren.

Wie kann ich Verbundenheit und Liebe in meinem Alltag stärken? Wenn ich in mich hineinspüre, merke ich, dass mir mir noch etwas fehlt. Ich lebe im Alltag viel zu oft “in meinem Kopf”. Damit das Wissen um die Wichtigkeit von Verbundenheit praktisch werden kann, fehlt Achtsamkeit als grundsätzliche Haltung, die bewusste Wahrnehmung von dem, was gerade ist. Präsenz ist deshalb der nächste Schritt im Tanz der Flexibilität und Thema meines nächsten Blogbeitrags.

Quellen

  1. Brené Brown nennt das die Masken unserer seelischen Panzer (in: Verletzlichkeit macht stark, S. 124ff)
  2. Todd Kashdan/Robert Biswas Diener: The Upside of Your Dark Side: Why Being Your Whole Self – Not Just Your “Good” Self – Drives Success and Fulfillment
  3. vgl Steven Hayes: A Liberated Mind
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