Gute Beziehungen

Was du für emotionale Nähe tun kannst

Bist du schon mal an einen neuen Ort gezogen, wo du niemanden kanntest? Die Menschen in deinem Umfeld sind zwar nicht unfreundlich, aber über einen Austausch von zwei oder drei Sätzen kommst du nicht raus. Ich habe sowas schon oft erlebt.

Was ist da hilfreich? Ich habe ein paar fundierte Vorschläge für dich.

Wieso Neugier die Rettung vor Smalltalk ist

Eine neue Begegnung beginnt oft mit Smalltalk. Das ist seine Funktion: wir reden über ein gemeinsames Thema, das persönlich wenig mit uns zu tun hat: Wetter, Fußball, in letzter Zeit Corona. Diese Phase gleicht dem Beschnüffeln bei Tieren: es geht nicht um den Inhalt, es geht nur um die Kontaktaufnahme.

emotionale Nähe durch gegenseitiges Interesse und tieferes Fragen

Je besser wir unser Gegenüber kennen, desto kürzer kann diese unverbindliche Plauderei sein. Ein bisschem mehr Tiefgang bekommt das Gespräch erst, wenn wir nachfragen. Als ich vor ein paar Tagen eine Nachbarin auf der Kellertreppe zufällig traf, tauschten wir uns zuerst über unsere wechselseitigen Corona-Befindlichkeiten aus. Fragen führten uns weiter zur Situation ihrer hochbetagten Mutter und dem Buchprojekt ihres Mannes. Ihre aktuelle Lebenssituation wurde für mich dadurch deutlicher.

Das Fragen ist nicht immer einfach. Warum erzählt unser Gegenüber nicht von selbst, was sie gerade bewegt? Fragen ist ein Signal dafür, dass mich etwas wirklich interessiert. Ich möchte das gerne wissen. Und dann öffnet sich für unser Gegenüber der Raum, davon etwas zu erzählen. Wenn ich nicht frage, weiß mein Gegenüber nicht, ob ich das hören will.

Das Ganze hat viel mit Vertrauen und Freundlichkeit zu tun. Wie interessiert ist mein Gegenüber an mir als Person. Und wie interssiert bin ich an ihm?

Wir brauchen sicher Sensibilität für das Nachfragen. Worüber mag mein Gegenüber mit mir sprechen? Worüber nicht? Wir wissen das nie genau, haben aber ein deutliches Gespür dafür: Wie viel Vertrauen gibt es schon? Für welche Gebiete? Meine Kollegin spricht vielleicht in der Tiefe über ihre Schwierigkeiten bei der Arbeit mit mir. Ihre weiteren Interessen und Anliegen sollte ich erst vorsichtig erkunden, wenn ich wirklich daran interessiert bin.

Wie du es schaffst, emotionale Nähe zu vermeiden

Fokussierung auf sich selbst

Je tiefer wir in unsere eigene Gedankenwelt verstrickt sind, desto weniger interessieren uns die Erlebnisse und Gedanken anderer Menschen. Sie sind uns einfach egal. Aus dieser Haltung heraus gibt es keine emotionale Nähe. Nur, wenn wir die andere Person sehen, in der Situation, in der sie gerade ist, kann eine Verbindung entstehen.

So wichtig es manchmal sein kann, sich auf die eigene Befindlichkeit zu konzentrieren und anderes auszublenden, emotionale Nähe entsteht so nur, wenn dein Gegenüber bereit ist, sich freundlich und einfühlsam auf deine Innenwelt einzulassen.

Sich verbergen

Emotionale Nähe entsteht, wenn wir etwas teilen. Das kann eine Beobachtung sein, ein Gedanke, eine Erinnerung. Wenn wir uns nicht aus der Deckung wagen sind wir darauf angewiesen, dass unsere Mitmenschen das in die Hand nehmen. Aber auch, wenn dir etwas erzählt wird oder eine Frage gestellt – einsilbige Reaktionen machen es schwerer, mit dir Kontakt aufzunehmen.

Überforderung

Ähnliche Wirkung erzielst du, wenn du dein Gegenüber mit deinen Erlebnissen und Enthüllungen überschwemmst, ohne es mit seinen Reaktionen wirklich wahrzunehmen. Dadurch baut sich bei den Zuhörenden leicht eine Abwehr auf. Es sei denn, diese Person ist dir schon sehr verbunden, eine enge Freundin, ein Liebespartner.

Es geht nicht darum, wie lange du redest. Die Frage ist, ob deine Gesprächspartner damit etwas anfangen können oder wollen, ob es sie interessiert.

Impulse fallen lassen

Wenn durch Gestik, Mimik oder Worte deutlich wird, dass dein Gegenüber gerade etwas erlebt und du gehst nicht darauf ein. Natürlich bist du nicht verpflichtet, jeden Ball aufzufangen, aber das ist immerhin der Weg ins Gespräch. Egal, ob noch gar kein Austausch da war oder ob schon ein paar Worte gewechselt wurden, wenn du Äußerungen nicht aufgreifst, verpasst du eine Chance für emotionale Nähe.

Wie du ermöglichst, dass emotionale Nähe entstehen kann

Die Psychologin Barbara Fredrickson hat lange erforscht, wie emotionale Nähe zwischen Menschen entsteht. Sie nennt eine als angenehm empfundene emotionale Nähe Positivitätsresonanz: drei eng miteinander verwobene Ereignisse existieren für eine kurze Zeit.

Emotionale Nähe entsteht, wenn du dich anderen öffnest, ihnen deine Aufmerksamkeit schenkst, das Gefühl der Sicherheit schaffst.
  1. Eine oder mehrere positive Emotionen werden mit einem anderen Menschen geteilt
  2. auf biologischer und Verhaltensebene existiert eine Synchronie zwischen ihnen (Gehirn, Hormonausschüttungen, Körperhaltungen, Mimik)
  3. Sie werden von gegenseitiger Fürsorge motiviert.

Wechselseitige Öffnung

Wie viel wir von uns preisgeben sollten, hängt von der Situation und Art der Beziehung ab. Es ist wie ein Tanz: ich gehe einen Schritt, du gehst einen Schritt. Und dabei beobachte ich, ob wir zusammen tanzen oder nicht. Intime Öffnung geschieht langsam. Vertrauen braucht lange, um zu wachsen.

Ob das, was du erzählst, zu mehr emotionaler Nähe führt, siehst du wahrscheinlich, wenn du Augenkontakt herstellst. Bei einem Online-Treffen ist das schwieriger, aber auch da kannst du den Gesichtsausdruck der anderen Person wahrnehmen.

Einem fremden Menschen gegenüber bedeutet Offenheit, ihn oder sie wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Den Nachbarn gegenüber kann es bedeuten, zu teilen, was ich gerade mache oder gemacht habe (einkaufen, meinen Blogartikel schreiben, meine Enkelin vom Kindergarten abholen).

Emotionale Nähe herstellen: Hey I miss you - Covid Response von United Nations

Ehrlichkeit ist die Grundlage für Sicherheit. Damit ist gemeint, dass ich das, was ich sage, auch so meine. Nicht, dass ich alles sage. Aber wichtig ist, dass ich es gut meine mit meinem Gegenüber. Und dazu gehört auch ein Gesprächsthema, in dem sich mein Gegenüber wohlfühlt.

Wenn dein Gegenüber mit dir etwas Positives erlebt, stärkt das eure Verbindung. Das heißt nicht, dass du nur über Schönes oder Lustiges reden sollst. Es kann durchaus auch positiv sein, eine schwierige oder sogar schmerzliche Situation zu teilen.

Klar, bei Menschen, mit denen ich eine enge Beziehung habe, müssen manchmal auch unangenehme Themen angeschnitten werden. Das braucht die Sicherheit, dass die Gesprächspartner sich grundsätzlich wertschätzen und füreinander da sind. Auf dieser Grundlage lässt sich diskutieren oder sogar streiten.

Starke Bindungen zwischen Menschen entstehen dann, wenn sich Menschen gegenseitig immer mehr offenbaren. Wenn du Themen ansprichst, die immer persönlicher werden, immer mehr von deinem Gegenüber und dir wechselseitig preisgeben. „Es geht um das tiefe Einlassen, das immer tiefere gegenseitige Erforschen und das Offenbaren seiner Selbst.“ (Michaela Brohm-Badry)

36 Fragen für emotionale Nähe

Die 36 Fragen sind eine Möglichkeit, emotional Nähe zu erleichtern, indem sich in einem gegenseitigen Interview beiden Beteiligte abwechselnd immer mehr persönliche Informationen über sich selbst geben. Geleitet werden sie dabei von den Fragen.

„Die Forschung zeigt, dass schon 45 Minuten Selbstauskunft das Gefühl der Nähe zwischen fremden Menschen dramatisch erhöhen kann. In einigen Fällen bleiben diese Gefühle der Nähe über einen längeren Zeitraum bestehen und bilden die Grundlage für eine neue Beziehung.“

Greater Good in Action

Wie du vorgehst

Suche jemanden aus, dem du gerne näher kommen würdest. Es könnte jemand sein, den du gut kennst oder jemanden, den du gerade erst kennenlernst. Obwohl diese Übung den Ruf hat, Menschen dazu zu bringen, sich zu verlieben, ist sie eigentlich für jeden nützlich, dem du dich nahe fühlen möchtest, einschließlich Familienmitglieder, Freunde und Bekannte. Bevor du sie ausprobierst, stelle sicher, dass sowohl du als auch dein Partner sich wohl dabei fühlen, persönliche Gedanken und Gefühle miteinander zu teilen.

Stimmt einen Zeitpunkt ab, an dem ihr beide mindestens 45 Minuten Zeit habt.

Die 36 Fragen sind drei Teilen zugeordnet. Wenn ihr mit dem ersten Teil beginnt, befragt euch 15 Minuten lang abwechselnd. Jede Person sollte jede Frage beantworten, aber in abwechselnder Reihenfolge, so dass jedes Mal eine andere Person den Anfang macht.

Nach 15 Minuten geht ihr zum zweiten Teil über, auch wenn ihr die Fragen aus dem ersten Teil noch nicht vollständig beantwortet habt. Ihr befragt euch in der gleichen Art und Weise wie im ersten Teil.

Nach 15 Minuten wechselt ihr zu Teil 3. (Hinweis: Jeder Teil ist so gestaltet, dass er mehr Fragen enthält als der vorherige. Die 15-Minuten-Perioden stellen sicher, dass du auf jeder Ebene der Selbstoffenbarung gleich viel Zeit verbringst).

„Du kannst diese Übung mit verschiedenen Menschen ausprobieren, mit denen du eine tiefere Verbindung entwickeln möchtest – aber wenn deine Antworten anfangen, sich routinemäßig anzufühlen, ziehe es in Betracht, deine eigene Liste mit Fragen zu erstellen, die zunehmend persönlicher werden.

Zwei Paare können diese Übung auch gemeinsam ausprobieren. Es hat sich gezeigt, dass sie die emotionale Nähe zwischen den Paaren und die Liebe innerhalb des Paares erhöht.“ (Greater Good in Action)

Warum das auf emotionale Nähe wirkt

Die 36 Fragen geben uns einen Rahmen, um uns zur gleichen Zeit und in einem ähnlichen Tempo wie unser Partner zu öffnen. Der Austausch fühlt sich dadurch nicht so leicht einseitig an. Die Fragen geben unserm Gegenüber Raum, positiv auf unsere Selbstoffenbarung zu reagieren – mit Verständnis, Bestätigung und Fürsorge – auf eine Art und Weise, die auch die Nähe fördern kann.

Dies spiegelt den allmählichen Prozess des Kennenlernens wider, den Beziehungen typischerweise durchlaufen, nur in einem beschleunigten Tempo. Die entstehenden Gefühle der Nähe können uns wiederum helfen, dauerhafte Beziehungen aufzubauen, die unsere allgemeine Lebensglück erhöhen.

Fazit
Wenn du emotionale Nähe zu anderen Menschen herstellen willst, muss dich die Person auch interessieren. Du kannst als Türöffner deine Erlebnisse teilen, wenn das zur Beziehung passt. Mindestens genauso wichtig sind deine stimmigen Fragen.

Nein, das ist nicht immer einfach. Aber voller Überraschungen!

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Quellen:

Michaela Brohm-Badry: Wie man sich ins Tun verliebt. Über intrinsische Motivation und innige Beziehungen https://scilogs.spektrum.de/positive-psychologie-und-motivation/wie-tun-ueber-motivation-beziehungen/

Barbara Fredrickson: Die Macht der Liebe

https://ggia.berkeley.edu/practice/36_questions_for_increasing_closeness

Aron, A., Melinat, E., Aron, E. N., Vallone, R. D., & Bator, R. J. (1997). The experimental generation of interpersonal closeness: A procedure and some preliminary findings. Personality and Social Psychology Bulletin, 23(4), 363-377. 

Fokus online: Die übersetzten 36 Fragen aus Dr. Arthur Arons Studie

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