Die Stärkenvielfalt in ihrem Zusammenspiel

Es macht Spaß, seine Charakterstärken einzusetzen. Wenn du die bei dir am meisten  ausgeprägten Stärken mehr lebst, fühlst du dich wohler und bist mit zufriedener mit dem, was du tust. Trotzdem wissen viele Menschen nicht, was ihre Stärken sind.(1) Sie kennenzulernen und im Alltag mehr einzusetzen ist die Grundlage eines erfüllten Lebens. Wie im vorigen Blog beschrieben: hier sind nicht Leistungsstärken gemeint, sondern Aktivitäten, in denen Du von Dir besonders geschätzte Werte umsetzt. Talente, also angeborene besondere Fähigkeiten, können hier eine Rolle spielen, müssen es aber nicht. Die Universität Zürich hat eine genauere Beschreibung der Charakterstärken in deutscher Sprache erarbeitet. Jeder von uns hat Signaturstärken. Sie sind wesentlich dafür, „wer wir sind“, so jedenfalls wirken sie auf uns. Es sind im Durchschnitt fünf besonders ausgeprägte Charakterstärken, die „einen Energieschub in uns auslösen, uns natürlich vorkommen. Sie sind der Kern unserer Identität und fühlen sich authentisch an, wenn sie eingesetzt werden.“(2) Sie können in allen Lebensbereichen wirksam werden: Familie, Beruf, persönliche Aktivitäten. Den stärksten Zusammenhang mit Lebenszufriedenheit haben die Stärken Hoffnung, Begeisterung, Dankbarkeit, Neugier und Liebe. Wie alle Charakterstärken sind sie relativ stabil über die Zeit und können in ihrer Ausprägung weiterentwickelt werden. Frag dich: Welche Signaturstärke ist am wichtigsten dafür, wer du bist sind und gehört einfach zu dir als Person? Wenn wir mindestens vier Signaturstärken regelmäßig in unserer Arbeit einsetzten, erleben wir viel Positives bei der Arbeit und empfinden sie als Berufung (3). Auch deshalb ist es wichtig, die alltäglichen Einsatzmöglichkeiten auszuweiten.

Wie kannst Du herausfinden, wo Deine Stärken liegen?

Die Tests

Es gibt kostenlose deutschsprachigen Tests auf wissenschaftlicher Basis. Sie spiegeln wieder, wie du dich selbst siehst – und das ist eben manchmal eine Überraschung.

  • Die Tests zu Charakterstärken oder Signaturstärken von der Universität Zürich: Sie dauern etwa 30 Min. und umfassen 264 Fragen. Das Testergebnis ist mit den zugehörigen Zahlenwerten dargestellt.
  • den VIA-Test vom Via Institute on Character: Wenn Du Dich registrierst und nebenan als erste Eintragung „deutsch“ machst, sind der Fragebogen und die Auswertung deutschsprachig. Er umfasst 120 Fragen und dauert etwa eine Viertelstunde. In der kostenlosen Version erhältst du die für Dich zutreffende Rangfolge aller 24 Stärken ohne zugeordnete Werte. Du kannst sie als PDF-Dokument herunterladen. Nachteil ist hier, dass es im Nachgang ein paar Werbemails gibt, die Dir die ausführlicheren kostenpflichtigen Berichte empfehlen.

Untersuche die Stärken, die dich interessieren, besonders diejenigen, die wichtigsten fünf, die die meiste Energie bringen. Du kannst auch Stärken aussuchen, die in deinem Profil nicht besonders ausgeprägt sind. Denke darüber nach, wie du bisher deine Stärken nutzt. Denke auch darüber nach, inwieweit du sie in übertriebenem Maße nutzt oder zu wenig.
Fange an, deine Stärken bewusst in deinem Alltag zu nutzen.

Stärken in deinen Geschichten

Unser Bild von der Welt und von uns selbst besteht aus einer Ansammlung von Geschichten – anscheinend unwichtigen und sehr wichtigen. Ob es darum geht, wie du heute morgen gefrühstückt hast oder um die Geburt eines Kindes, deine Stärken sind Teil deiner Lebenserfahrungen und scheinen deshalb in jeder deiner Geschichten auf.

Überlege mal: welche Situationen gab es in deinem Leben, wo du etwas gut gemacht hat und Du hattest Spaß dabei. „Gut gemacht“ heißt, dass Du zufrieden warst oder von anderen Leuten Anerkennung bekommen hast. Es muss nichts Großartiges sein.

Im Alltag geht es ja oftmals nicht um großartige Dinge. Vielleicht hast Du eine Reise für mehrere Leute organisiert oder einen Geburtstagskuchen gebacken oder dekoriert. Was auch immer es war – versuche, mindestens drei Ereignisse zu finden und schreibe sie auf oder erzähle sie in eine Diktier-App in Deinem Handy.(4)

  •  Die Geschichte kann zuhause passiert sein, in deiner Familie, unter Freunden, bei der Arbeit oder wo auch immer.
  • Gib der Geschichte einen Anfang (wie es dazu kam), eine Mitte (was passierte genau) und eine Ende (und was kam dabei heraus).
  • Schreib die Geschichte auf.
  • Betrachte die Geschichte und achte auf die Charakterstärken, die du in der Geschichte eingesetzt hast.

Suche fünf bis zehn Erlebnisse, in denen du richtig gut in Form warst. Geh sie mit den oben genannten Schritten durch.

Viel Spaß dabei!

 

Zusammenspiel der Charakterstärken

Der Charakter ist, ähnlich wie Hormonausschüttungen oder Herzfrequenzen, als eine variable Bandbreite zu verstehen und nicht als eine festgelegte Kategorie. Stärken werden eher in Graden ausgedrückt, die sich mit dem Umfeld verändern. Du setzt alle 24 Stärken im Laufe des Tages ein.

Wähle eine deiner Aktivitäten, die eine hohe Bedeutung für dich hat. Das könnte ein wichtiges Gespräch sein, die Vorstellung eines Projekts oder Arbeitsergebnisses oder die Veranstaltung einer Feier. Schätze ein, in welchem Grad du jede der 24 Stärken am Anfang, in der Mitte und am Ende der Aktivität einbringst. So erkennst Du die Vielfalt des Ausdrucks von Stärken, die Nuancen des Ausmaßes und die Wichtigkeit des Kontextes sehr deutlich.(6)

Deine Stärken aus Sicht anderer Leute

Die Rückmeldung von anderen ist sehr spannend und manchmal überraschend. Wie sehen Dich andere, die Dich gut kennen in den verschiedenen Bereichen Deines Lebens? Welche Stärken lebst Du dort?

Deine Helden und Idole (Bücher und Filme)

Beobachtungen formen das menschliche Verhalten von Grund auf. Filme und Bücher können dabei eine wichtige Rolle spielen. Leser und Zuschauer werden durch Charaktere angezogen, die etwas überwinden. Unsere Helden wollen ein Ziel erreichen und zwar gegen Widerstände, in Konflikten oder Kämpfen. Gute Filme zeigen den Helden oder die Heldin dabei, wie sie trotz aller Widrigkeiten ihre Charakterstärken ausbauen oder aufrecht erhalten. Die Signaturstärken sind dabei zentral. Beispiele sind „Das Leben ist schön“ (Kreativität, Ausdauer und Liebe), „The Artist“ (Enthusiasmus, Lebenskraft), „Alexis Zorbas“ (Humor, Enthusiasmus, Freundlichkeit). (7)

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass unsere Lieblingsfilme und -bücher auch unser Selbst berühren, unsere persönlichen Signaturstärken. Deshalb ist es empfehlenswert, sie unter diesem Blickwinkel anzuschauen. Auch sonst ist es eine gute Übung, bei Filmen Charakterstärken wahrzunehmen und zu benennen. Es übt die Fertigkeit, sie schnell zu erkennen, auch in der realen Welt.

Wie kannst du deine Stärken ausbauen?

Suche neue Anwendungsfelder für deine Stärken

Welche deine Signaturstärken ist für dich am wichtigsten? Überlege dir, unterschiedliche Möglichkeiten, diese Stärke in deinem Alltag einzusetzen.

Dann nutze diese Stärke eine Woche lang jeden Tag auf eine neue Weise.

Vielleicht gibt es Lebensbereiche, in denen du diese Stärke bereits ausgeprägt lebst und andere, in denen das nicht der Fall ist. Eine Ausweitung auf diesen hinsichtlich der  Stärke unterbelichteten Lebensbereich liegt dann nahe.

Schreib dir auf

  • wie fühlst du dich, wenn du deine Stärke nutzt?
  • wann und wo hast du sie eingesetzt?

Wenn du absolut keinen Einfall hast, wie du deine Stärke auf neue Art und Weise gebrauchen können, hol dir hier Anregungen.

Möchtest du einen anderen Vorschlag zur Entwicklung von Stärken in verschiedenen Lebensbereichen und zur Stärkenwahrnehmung bei anderen Menschen? Dann schau mal hier:

Die Stärkenbrille

Nimm dir ein großes Blatt Papier und teile es in vier Felder.

Quadranten der Stärkenbrille: Familie, Freunde, Arbeit, Freizeit
  1. Trage in jedem Feld ein, welche Stärken du dort besonders lebst. Wenn Kreativität zu deinen Signaturstärken gehört, lebst du sie in allen vier Feldern gleichermaßen aus? Gehe die vier Bereiche aus diesem Blickwinkel durch.
  2. Denke jetzt an die Menschen, mit denen du in diesen Bereichen zusammen sind. Welche Stärken haben sie? Wenn sie besonders gut gelaunt sind, was bringen sie dann ein?
  3. Hast du bei diesem Blick durch die Stärkenbrille etwas Neues entdeckt oder Fragen, die zur weiteren Beobachtung einladen?
    Wie kannst du vorhandene Stärken in Feldern einzusetzen, wo du es bisher nicht getan hast?
  4. Wie kannst du andere Menschen dabei unterstützen, ihre Stärken in neuen Feldern einzusetzen?

Wenn  du dir angewöhnst, immer wieder die Stärkenbrille aufzusetzen und dich bei dir selbst und anderen auf die Stärken zu konzentrieren, wird sich deine persönliche Welt wahrscheinlich zum Guten verändern.

 

Möchtest du einen Vorschlag, wie du deine Stärken im Team besser anwenden kannst? Dann klicke hier:

Stärken im Team

Verstehe deine einzigartige Rolle in deinem Team. Stimme die Nutzung deiner Charakterstärken auf deine Teamrolle ab; erleichtere mehr Eigeninitiative und Produktivität bei der Arbeit.

 

Schritte

  1. Lies die Beschreibungen der sieben folgenden Rollen. Identifiziere deine beiden stärksten Rollen. Achte darauf, die Art von Dingen zu berücksichtigen, die du gerne tust, während du deine Arbeit, Familienarbeit oder Freiwilligenarbeit machst.
  2. überlege, wie du deine beiden stärksten Rollen besser einsetzen kannst, um deine Rollen im Team am besten auszufüllen.
  3. Wie kannst du  in deinem Team durch eine oder beide dieser Rollen besondere Beiträge anbieten?
  4. Wenn du bei einer Organisation arbeitest: sprich mit deinem Vorgesetzten oder Manager über die Möglichkeit, dich an der Gestaltung deiner Arbeitsaufträge zu beteiligen.
  5. Während du mit deinem Team arbeitest, versuche, wenn immer möglich und angemessen, deine Energie auf deine stärksten beiden Rollen zu konzentrieren.
Verschiedene Rollen imTheaterbühne
Sieben wesentliche Funktionen/Rollen in starken Teams
  • Ideengeber: hat Spaß daran, Ideen zu entwickeln, um Probleme zu lösen und Wachstum zu ermöglichen. Innoviert, überdenkt, erneuert, erfindet sogar Dinge neu.
  • Informationssammler: lernt gerne über Best Practices, Konkurrenten und Informationen, das Teamziel besser zu erreichen. Teilt das Gelernte bei Teambesprechungen, schriftlich/präsentativ.
  • Entscheidungsträger: findet die Analyse von Informationen aus verschiedenen Blickwinkeln inspirierend, das Abwägen von Beweisen, die Anwendung von Logik und die Wahl einer sinnvollen Vorgehensweise.
  • Umsetzer: Führt Entscheidungen aus. Ist der „Macher“ im Team und kann derjenige sein, der herstellt, vermarktet, verkauft oder liefert.
  • Überzeuger: optimistisch und enthusiastisch, genießt die Herausforderung, andere zu überzeugen. Hilft, Widerstände und Ablehnung zu überwinden, um Kunden, Investoren usw. zu überzeugen.
  • Beziehungsspezialist: Hilft beim Aufbau von Netzwerken, löst Teamkonflikte und motiviert und ermutigt Menschen, ist ein guter Zuhörer mit einem offenen Herzen und praktischen Ratschlägen.
  • Energiegeber: steckt andere mit der Energie und dem Enthusiasmus an, mittel- und langfristig durchzuhalten. Bewältigt zügig Hindernisse, brennt selten aus

Forschungsergebnisse

Die sieben Rollen wurden von Neal Mayerson, dem Vorsitzenden des VIA Institute, als wesentliche Funktionen eines starken Teams konzipiert und durch Expertenbeurteilung und Feedback überprüft. Ein Bewertungsinstrument wurde entwickelt, das die Existenz dieser Rollen, ihre Unterscheidungskraft und den Bezug zu den 24 Charakterstärken testete. Im Ergebnis waren die Teamrollen waren positiv mit der Arbeitszufriedenheit und den meisten Charakterstärken korreliert. (Ruch, Gander, Platt & Hofman, 2016)

Stärken bei Anderen unterstützen

Wie kannst du Stärken bei anderen Menschen erkennen? Indem du bewusst wahrnimmst, wie sie über sich selbst und ihre Erlebnisse sprechen. Wenn sie das tun,  zeigen sie mehr Energie, die Augen sind weiter geöffnet, sie sprechen fließender und schneller. Oft verändert sich die Körperhaltung und wird aufrechter. Sie benutzen mehr Gesten und sprechen mehr in Bildern (Metaphern).

Sprich dann aus, dass du das gut findest. Benenne dabei die Stärke, die gerade körperlich ausgedrückte wurde.

Und nutze die „Stärkenbrille“, um aufmerksamer zu werden, was gut ist an anderen Menschen. 

 

Quellen:

  1. Alex Linley: Average to A+: Realising Strengths in Yourself and Others, 2008, CAPP Press, S. 72
  2. Niemiec, Ryan M.; Wedding, Danny: Positive Psychology at the Movies 2014, Hogrefe Publishing. Kindle-Version, S.12 – übersetzt von Ruth Habermehl
  3. Harzer and Ruch (2012a), zitiert in Niemiec, Ryan M.; Wedding, Danny. a.a.O., S.12.
  4. Android und Apple haben die eingebaute Möglichkeit, Sprachnachrichten aufzunehmen und in Text umzusetzen. Melde Dich, wenn Du Fragen dazu hast.
  5. Ryan M. Niemiec: Character Strengths Interventions, Boston, 2018,S.169
  6. Ryan M. Niemiec: Character Strengths Interventions, Boston, 2018, S. 10ff
  7. Niemiec, Ryan M.; Wedding, Danny: Positive Psychology at the Movies 2014, Hogrefe Publishing. Kindle-Version, Appendix A Exemplars in Positive Psychology at the Movies
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2 Kommentare

  1. Michael

    Es ist wichtig, über seine Stärken nachzudenken. Danke für die einzelnen Hinweise. Damit kann man bereits gut arbeiten.

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    • Ruth Habermehl

      Dann viel Spaß damit. Und falls Du doch einen Austausch brauchst, melde Dich gerne.

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