Was sind Stärken?

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Vielleicht haben Sie sich schon mal gefragt, was Stärken eigentlich sind. Wovon genau sprechen wir, wenn wir von Stärken reden. Was wäre ein Ziel für unsere Entwicklung oder die Erziehung unserer Kinder?

Was ist das Beste an uns Menschen?

Mit genau dieser Fragen haben sich haben sich 55 Sozialwissenschaftler drei Jahre lang beschäftigt: Wie kann man junge Menschen sinnvoll fördern? (2) Um diese Frage zu beantworten, brauchte es eine Einigung über die genaue Beschreibung von Eigenschaften, die wünschenswert sind und deren Entwicklung durch Erziehung gestärkt werden sollen.

Die Wissenschaftler wollten eine verantwortliche Wahl treffen. Sie wollten sicherstellen, dass die den Stärken zugrundeliegenden Werte nicht an aktuellen und kurzfristigen Vorstellungen ausgerichtet sind. Anforderungen, die wir oft in Stellenanzeigen finden, wie „Durchsetzungsfähigkeit“, „Kommunikationsstärke“ oder „Selbstvertrauen“ sind Prägungen unserer Zeit und unserer Kultur und können in ein paar Jahrzehnten an Wichtigkeit verlieren.

Deshalb war der Ausgangspunkt, was Menschen in den verschiedenen Epochen über Stärken gedacht haben. Die Forscher wollten den Weisheitsschatz der Menschheit anzapfen um herauszufinden, welche Fähigkeiten und Eigenschaften in den größeren Kulturen und den großen Religionen als wünschenswert angesehen wurden. Gibt es ein gemeinsames Verständnis aus 3000 Jahren Menschheitsgeschichte für „guten Charakter“? Literarische und philosophische Texte aus allen größeren Schriftkulturen wurden ausgewertet (3). Es fanden sich sechs Tugenden, die in allen Traditionen hochgeschätzt waren:

Figur der Tugend
T. Jefferys, Virtue. La Vertu (NYPL b14140320-1638489), als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons
  • Weisheit und Wissen

  • Mut

  • Liebe und Humanität

  • Gerechtigkeit

  • Mäßigung

  • Spiritualität und Transzendenz.

Diese abstrakten Tugenden werden durch die Anwendung von Stärken praktisch.

Was sind Stärken?

Es gibt für jede Tugend verschiedene Wege, um sie in seinem Alltag zu leben. „Zum Beispiel kann jemand die Tugend der Gerechtigkeit durch Verhalten als guter Bürger, durch Fairness, durch Loyalität und Teamwork oder durch humane Menschenführung unter Beweis stellen. Diese Zugänge nenne ich (Martin Seligman) Stärken , und im Unterschied zu den abstrakten Tugenden kann jede Stärke gemessen und erworben werden. (4)“ Alle so verstandenen Stärken hängen von unserem Willen und bewussten Entscheidungen ab (5).

Zu den wesentlichen Kriterien für die Auswahl gehörte:

  • Die Eigenschaft würde in den meisten Kulturen sehr positiv bewertet
  • die Eigenschaft wurde um ihrer selbst willen wertgeschätzt und nicht wegen eines Ergebnisses
  • sie beinhaltet keine Abwertung anderer
  • es gibt ein Gegenteil oder einen negativen Gegenpol, z.B. zu Neugier - Desinteresse
  • sie ist über längere Zeit hinweg stabil und kann anhand klarer Kriterien beobachtet werden
  • es gibt Menschen, die sich besonders durch diese Eigenschaft auszeichnen und andere, die sie gar nicht haben

Damit Stärken gezielt ausgebaut werden können, müssen sie so gut beschrieben sein, dass sie direkt beobachtbar sind und alle darunter das Gleiche verstehen.

Das Konzept der Charakterstärken wurde im deutschen Sprachraum von Prof. Dr. Willibald Ruch und seinem Team beschrieben und erforscht. Sie beschreiben die einzelnen Stärken genauer:

1. Weisheit und Wissen:

kognitive Stärken, die den Erwerb und den Gebrauch von Wissen beinhalten.

Psychologische Stärken der Weisheit und des Wissens beinhalten insbesondere kognitive Persönlichkeitseigenschaften, die dem Erwerb und der Nutzung von Wissen dienen. Unter dieser Tugend ist nicht ein hoher IQ zu verstehen, sondern ein hart erworbenes und zum Guten angewendetes Wissen.

Kreativität: neue und effektive Wege finden Dinge zu tun

Kreative Menschen produzieren ständig eine Vielzahl von verschiedenen originellen Ideen oder sie zeigen originelle Verhaltensweisen. Diese Ideen und erhaltensweisen zeichnen sich nicht nur dadurch aus, dass sie innovativ und neu sind, sie müssen auch der Realität angepasst sein, damit sie dem Individuum im Leben nützlich sind und ihm weiterhelfen. Menschen mit ausgeprägter Kreativität zeigen diese Stärke meistens in mehreren Bereichen des Alltags, d.h. sie besitzen eine so genannte „praktische Intelligenz“. Weniger kreative Menschen begnügen sich oft mit einer konventionelleren Problemlösungsstrategie und/oder wirken gelangweilt und ideenlos.

Neugier: Interesse an der Umwelt haben

Neugierige Menschen haben ein ausgeprägtes Interesse an neuen Erfahrungen. Sie sind sehr offen und flexibel bezüglich neuen, oft auch unerwarteten Situationen. Sie haben viele Interessen und finden an jeder Situation etwas Interessantes. Sie suchen aktiv nach Abwechslungen und Herausforderungen in ihrem täglichen Leben. Menschen können neugierig in Bezug auf einen spezifischen Bereich sein (z.B. Interesse an speziellen Rosen) oder ein globales Interesse an unterschiedlichen Dingen aufweisen. Menschen mit einer schwach ausgeprägten Neugier wirken oft eher langweilig, teilnahmslos und desinteressiert, obwohl sie eigentlich mit ihrem Leben zufrieden sind.

Urteilsvermögen: Dinge durchdenken und von allen Seiten betrachten

Menschen mit einem stark ausgeprägten Urteilsvermögen haben die Fähigkeit, Probleme und Gegebenheiten des Alltags aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und auf diese Weise Argumente für wichtige Entscheidungen zu entwickeln. Sie sind in der Lage, Informationen objektiv und kritisch zu beleuchten wobei sie sich an der Realität orientieren. Menschen mit einer geringeren Ausprägung dieser Stärke wechseln ständig ihre Meinung und können sich kaum zu einer Entscheidung durchringen oder sie beharren auf ihren Meinungen und Überzeugungen. Sie werden daher als unentschlossen und/oder rigide betrachtet.

Liebe zum Lernen: neue Techniken erlernen und Wissen aneignen

Wissbegierige Menschen zeichnen sich durch eine große Begeisterung für das Lernen neuer Fertigkeiten und Wissensinhalten aus. Sie lieben es, neue Dinge zu lernen und sind bemüht, sich ständig weiterzubilden und zu entwickeln. Dabei wird das ständige Lernen als eine Herausforderung betrachtet. Es gibt kaum Menschen, die nicht mindestens in einem Bereich gerne lernen. Die Liebe zum Lernen kann sich auf einen spezifischen Themenbereich (z.B. Geschichte) beziehen oder auch ganz allgemein ausgeprägt sein. Die Wissbegierde widerspiegelt den Wunsch, immer mehr über das Leben und die Welt wissen zu wollen. Menschen mit einer gering ausgeprägten Liebe zum Lernen begnügen sich mit ihrem vorhandenen Wissen und befassen sich nur widerstrebend mit neuen Wissens- und Fähigkeitsbereichen.

Weisheit: in der Lage sein, guten Rat zu geben

Weise Menschen sind weitsichtig und tiefsinnig. Sie haben einen guten Überblick und eine reife Sichtweise des Lebens. Außerdem besitzen sie die Fähigkeit, eine sinnvolle Bilanz über das Leben ziehen zu können. Diese Koordination des gelernten Wissens und der gemachten Erfahrungen eines Menschen trägt zu seinem Wohlbefinden bei. Aus sozialer Perspektive betrachtet, können weise Individuen anderen gut zuhören, Urteile abgeben und nützliche Ratschläge liefern. Von den Mitmenschen werden sie oft um Ratschläge gebeten, weil sie eine Lebenseinstellung und Weltsicht haben, die für andere Leute (und sie selbst) Sinn macht. Menschen, bei denen diese Stärke ganz schwach ausgeprägt ist, werden als unklug, unvernünftig und rücksichtslos bezeichnet.

2.Mut:

emotionale Stärken, die mittels der Ausübung von Willensleistung internale und externale Barrieren zur Erreichung eines Zieles überwinden.

Psychologische Stärken des Mutes beinhalten insbesondere emotionale Persönlichkeitseigenschaften, die das Erreichen von Zielen im Angesicht durch Überwinden von inneren und äußeren Widerständen unterstützen. Die Definition dieser Tugend umfasst das Überwinden von Angst, ethische Integration und den Willen zur Bewältigung in gefährlichen und schwierigen Situationen.

Authentizität: die Wahrheit sagen und sich natürlich geben

Authentische Menschen sind sich selbst und ihren Mitmenschen gegenüber aufrichtig und ehrlich. Sie halten ihre Versprechen und bleiben ihren Prinzipien treu. Sie legen Wert darauf, die Realität unverfälscht wahrzunehmen. Authentizität befähigt Menschen für sich selbst die Verantwortung zu übernehmen. Authentische Menschen handeln in Übereinstimmung mit den eigenen Gedanken, Gefühlen und Überzeugungen und sie streben nach einem kohärenten Auftreten. Menschen mit einer schwach ausgeprägten Stärke verhalten sich eher selbst täuschend und künstlich. Sie sagen häufig nicht ihre eigene Meinung, sondern das, was andere hören wollen. Oft sind sie nicht in der Lage, zu sagen, was sie wirklich fühlen, ohne dabei anderen etwas verheimlichen oder vortäuschen zu wollen.

Tapferkeit: sich nicht Bedrohung oder Schmerz beugen, Herausforderungen annehmen

Tapfere Menschen streben nach ihren Zielen und lassen sich dabei nicht von Schwierigkeiten und Hindernissen entmutigen. Tapferkeit kann sich in unterschiedlichen Lebensbereichen zeigen. Es handelt sich um die Fähigkeit, etwas Positives und Nützliches trotz drohenden Gefahren weiterzubringen. Sie ermöglicht einem Menschen, unbeliebte aber richtige Meinungen zu vertreten, sich einem Problem zu stellen, seinen Ängsten ins Gesicht zu schauen und sich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren. Individuen mit geringerer Tapferkeit schrecken vor Gefahren zurück und könnten beispielsweise niemals ein Opfer aus einem brennenden Auto befreien. Sie sind allgemein ängstlicher als tapfere Menschen und können im Extremfall auch als feige betrachtet werden.

Ausdauer: beenden was begonnen wurde

Ausdauer kennzeichnet Individuen, die alles zu Ende bringen wollen, was sie sich vorgenommen haben. Sie sind zielstrebig, geben nicht schnell auf, beenden was sie angefangen haben und lassen sich selten ablenken. Ausdauernde Menschen sind beharrlich – sie verfolgen aber nicht zwanghaft unerreichbare Ziele. Beharrliche Menschen passen sich flexibel und realistisch den jeweiligen Situationsbedingungen an, ohne perfektionistisch zu werden. Menschen mit geringer Ausdauer beginnen oft mit vielen Projekten, schließen dann aber kaum eines ab. Sie neigen dazu, schnell aufzugeben, den Mut sinken zu lassen und Abkürzungen zu suchen. Sie werden als eher faul und unschlüssig bezeichnet.

Enthusiasmus: der Welt mit Begeisterung und Energie begegnen

Menschen mit einem ausgeprägten Tatendrang sind voller Energie und Lebensfreude und können sich für viele unterschiedliche Aktivitäten begeistern. Sie freuen sich auf jeden neuen Tag. Solche Menschen werden oft als energisch, flott, munter und schwungvoll beschrieben. Sie setzen sich für ihre Aufgaben jeweils voll ein und bringen sie zu Ende. Diese Stärke ist jedoch von Hyperaktivität und manischem Verhalten zu unterscheiden. Menschen mit einem niedrig ausgeprägten Tatendrang werden im Allgemeinen eher als faul, zurückhaltend, teilnahmslos, lustlos oder leblos bezeichnet.

3. Menschlichkeit:

interpersonale Stärken, die liebevolle menschliche Interaktionen ermöglichen

Psychologische Stärken der Menschlichkeit beinhalten zwischenmenschliche Persönlichkeitseigenschaften, die in Beziehungen zu anderen Menschen zum Tragen kommen und liebevolle Interaktionen ermöglichen. Zu dieser Tugend gehören prosoziales und altruistisches Verhalten, Empathie und Sympathie.

Freundlichkeit: Gefallen tun und gute Taten vollbringen

Freundliche Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie sehr nett, grosszügig und hilfsbereit zu anderen Menschen sind. Sie machen anderen Personen gerne einen Gefallen, auch wenn sie diese nicht gut kennen. Sie lieben es, andere glücklich zu machen. Freundliches Verhalten kann auf ganz unterschiedliche Art und Weise gezeigt werden (z.B. im Bus den eigenen Platz freigeben, einer Person Blut spenden). Zentral an dieser Stärke ist die Wertschätzung, die man anderen Menschen zukommen lässt. Menschen, bei denen diese Stärke weniger ausgeprägt ist, werden eher als egoistisch, selbstbezogen, geizig oder kleinlich beschrieben

Bindungsfähigkeit: menschliche Nähe herstellen können

Menschen mit einer sicheren Bindungsfähigkeit zeichnen sich dadurch aus, dass sie anderen Menschen ihre Liebe zeigen können und auch in der Lage sind, Liebe von anderen anzunehmen. Bei dieser Stärke handelt es sich um die Fähigkeit enge Beziehungen und Freundschaften mit Mitmenschen aufzubauen, die von Zuneigung und Gegenseitigkeit gekennzeichnet sind. Diese Beziehungen sind durch gegenseitige Hilfeleistung, Akzeptanz und Verpflichtung geprägt. Menschen die weniger bindungsfähig sind, werden eher als distanziert, entfremdet und einsam bezeichnet.

Soziale Intelligenz: sich der Motive und Gefühle von sich selbst und anderen bewusst sein

Menschen unterscheiden sich in der Fähigkeit, wichtige soziale Informationen, wie z.B. Gefühle, wahrzunehmen und zu verarbeiten. Sozial kompetente Menschen kennen ihre eigenen Motive und Gefühle. Sie kennen auch ihre eigenen Interessen und Fähigkeiten und sind in der Lage, sie zu fördern. Sie nehmen Unterschiede zwischen Menschen vor allem in Bezug auf deren Stimmungen, Motivationen und Absichten wahr. Dadurch können sie sich der jeweiligen sozialen Situation anpassen. Sozial inkompetente Menschen sind nicht in der Lage auf die Gefühle und Stimmungen von anderen einzugehen oder verschiedene Sichtweisen einzunehmen und sie können sich schlecht selbst reflektieren.

4. Gerechtigkeit:

Stärken, die das Gemeinwesen fördern

Psychologische Stärken der Gerechtigkeit beinhalten Persönlichkeitseigenschaften, die für die Beziehung zwischen dem Individuum und der Gruppe oder Gemeinschaft bedeutsam sind und das Gemeinwesen fördern. Diese Tugend schließt die Vorstellungen von Gerechtigkeit als Belohnung im Verhältnis zu den Verdiensten, als Gleichheit für alle und als Berücksichtigen individueller Bedürfnisse mit ein.

Fairness: alle Menschen nach dem Prinzip der Gleichheit und Gerechtigkeit behandeln

Faire Menschen besitzen einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und Gleichheit. Jede Person wird von ihnen gleich und fair behandelt, ungeachtet dessen, wer und was sie ist. Sie lassen sich in Entscheidungen nicht durch persönliche Gefühle beeinflussen und versuchen allen eine Chance zu geben. Die Bereitschaft zu Kompromissen sowie das Zugebenkönnen von eigenen Fehlern werden als wichtige Merkmale dieser Stärke bezeichnet. Menschen, bei denen diese Stärke kaum ausgeprägt ist, zeigen sich hingegen in ihrem Denken, Erleben und Handeln gegenüber anderen Menschen inkonsistent und haben oft Vorurteile.

Führungsvermögen: Gruppenaktivitäten organisieren und ermöglichen

Menschen mit einem ausgeprägten Führungsvermögen besitzen die Fähigkeit, einer Gruppe trotz individueller Unterschiede eine gute Zusammenarbeit zu ermöglichen. Ebenso zeichnen sie sich durch gute Planungs- und Organisationsfähigkeiten von Gruppenaktivitäten aus und dadurch, dass sie auch schwierige Entscheidungen treffen können. Sie schaffen ein arbeitsförderndes Klima, unterstützen die gemeinsame Arbeit an Gruppenzielen und fördern das Zugehörigkeitsgefühl in der Gruppe, indem sie unterschiedliche Meinungen der Gruppenmitglieder einbeziehen. Menschen mit einem geringen Führungsvermögen sind nicht in der Lage, Verantwortung für eine Gruppe zu übernehmen und eine fördernde Arbeitsatmosphäre zu gestalten, bei dem jedes Gruppenmitglied sich dazu gehörig fühlt und maximale Arbeit leisten kann.

Teamwork: gut als Mitglied eines Teams arbeiten

Menschen mit dieser Stärke zeichnen sich durch ihre Teamfähigkeit und Loyalität gegenüber ihrer Gruppe aus. Sie können dann am besten arbeiten, wenn sie Teil einer Gruppe sind. Die Gruppenzugehörigkeit wird sehr hoch bewertet. Teamfähige Menschen tragen oft eine soziale Verantwortung. Auch die getroffenen Entscheidungen der Gruppe werden respektiert und vor die eigenen
Meinungen gestellt. Die eigenen Interessen werden meistens zugunsten der Gruppe zurückgesteckt. Menschen mit einer niedrig ausgeprägten Teamfähigkeit können sich kaum in Gruppen integrieren. Sie werden oft als egoistisch und ichbezogen bezeichnet.

5. Mässigung:

Stärken, die Exzessen entgegenwirken

Vergebungsbereitschaft: denen Vergeben die einem Unrecht getan haben

Menschen mit dieser Stärke sind eher in der Lage Vergangenes (z.B. zwischenmenschliche Konflikte) ruhen zu lassen und einen Neuanfang zu wagen. Sie können bis zu einem gewissen Punkt Verständnis aufbringen für die schlechte Behandlung durch andere Menschen und geben ihnen eine Chance zur Wiedergutmachung. Der Prozess des Vergebens bzw. des Verzeihens beinhaltet heilsame und förderliche Veränderungen von Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen bei Menschen, die von anderen verletzt wurden. Die Suche nach Rache und nach Vermeidung nimmt ab zugunsten positiver Verhaltensweisen, Gedanken und Gefühle. Menschen, die nicht vergeben können, werden oft als unbarmherzig, hartherzig, boshaft, oder rachsüchtig beschrieben.

Bescheidenheit: das Erreichte für sich sprechen lassen

Bescheidene Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht mit ihren Erfolgen prahlen. In der Menge fallen sie nicht gerne auf und wollen nicht die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sondern ziehen es vor, andere reden zu lassen. Bescheidene Menschen können eigene Fehler und Mängel zugeben. Sie haben eine demütige Haltung im Sinne, dass sie sich nicht als Zentrum des Universums betrachten. Weniger bescheidene Menschen werden dagegen als arrogant, stolz und selbstzentriert bezeichnet und als Personen, die sich immer gerne in den Mittelpunkt stellen wollen.

Vorsicht: nichts tun oder sagen, was später bereut werden könnte

Vorsichtige Menschen treffen Entscheidungen sorgfältig, denken über mögliche Konsequenzen vor dem Sprechen und Handeln nach und können Recht von Unrecht unterscheiden. Sie vermeiden gefährliche körperliche Aktivitäten, was aber nicht heisst, dass sie neue Erfahrungen meiden. Mitmenschen bezeichnen sie oft als vorsichtig im positiven Sinne. Mit ihren Fähigkeiten sind kluge Menschen in der Lage, längerfristige Ziele sorgfältig zu planen und zu verfolgen sowie Kosten und Nutzen abzuwägen, ohne sich „kopflos“ in ein Abenteuer zu stürzen. Das Gegenteil von Vorsicht ist Unvorsichtigkeit und Spontaneität im Sinne von Gedankenlosigkeit, Rücksichtslosigkeit und Unverantwortlichkeit.

Selbstregulation: regulieren was man tut und fühlt

Menschen mit ausgeprägter Selbstregulation bekunden keine Mühe, ihre Gefühle und ihr Verhalten in entsprechenden Situationen zu kontrollieren, z.B. eine Diät durchhalten, sich gesund ernähren, regelmäßig trainieren, rechtzeitig Aufgaben erledigen. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie längerfristigen Erfolg dem kurzfristigen vorziehen. Sie weisen eine starke Selbstdisziplin auf und merken gleichzeitig aber auch, wann sie aufhören müssen. Menschen, die nicht in der Lage sind, ihre Gefühle und ihr Verhalten zu regulieren, werden oft als impulsiv, explosiv und undiszipliniert bezeichnet. Sie scheinen ihren Wünschen, Bedürfnissen und Impulsen schnell nachzugeben.

6. Transzendenz:

Stärken, die uns einer höheren Macht näher bringen und Sinn stiften

Psychologische Stärken der Transzendenz beinhalten Persönlichkeitseigenschaften, die es Menschen ermöglichen, eine Beziehung zu einer höheren Instanz zu haben und dem Leben Sinn zu verleihen. Diese Tugend umfasst alles, was jenseits des menschlichen Verstandes liegt, was die Menschen ihre Sorgen vergessen lässt und ihrem Dasein Bedeutung verleiht.

Sinn für das Schöne: Schönheit in allen Lebensbereichen schätzen

Menschen, die in verschiedenen Lebensbereichen (wie z.B. Musik, Kunst, Natur, Sport, Wissenschaft) Schönes bewusst wahrnehmen, wertschätzen und sich darüber freuen können, haben einen ausgeprägten Sinn für das Schöne. Sie nehmen im Alltag schöne Dinge wahr, die von anderen übersehen oder nicht beachtet werden. Beim Anblick der Schönheit der Natur oder von Kunst empfinden sie tiefe Gefühle der Ehrfurcht und der Verwunderung und sind oft sprachlos. Es
kommt auch vor, dass solche Menschen selber etwas Schönes schaffen, z.B. ein Bild malen. Menschen mit wenig Sinn für das Schöne können sich kaum durch Kunst, Kultur oder Natur berühren lassen und nehmen Schönes nicht wahr.

Dankbarkeit: sich der guten Dinge bewusst sein und sie zu schätzen wissen

Dankbare Menschen sind sich bewusst über die vielen guten Dinge in ihrem Leben, wissen diese zu schätzen und nehmen sie nicht als selbstverständlich hin. Sie nehmen sich die Zeit, ihre Dankbarkeit Menschen gegenüber auszudrücken, z.B. wenn sie ein Geschenk bekommen. Sie realisieren, dass sie im Leben mit vielem gesegnet sind. Die Dankbarkeit kann sich sowohl auf Menschen beziehen als auch auf nichtmenschliche Quellen (z.B. Tiere, Natur, Gott). Man kann die Dankbarkeit als emotionale Antwort auf ein „Geschenk“ betrachten. Undankbare Menschen sehen es nicht als notwendig an, „Dankeschön“ zu sagen und Menschen ihre Wertschätzung und Dankbarkeit auszudrücken.

Hoffnung: das Beste erwarten und daran arbeiten es zu erreichen

Hoffnungsvolle Menschen haben grundsätzlich eine positive Einstellung gegenüber der Zukunft. Sie sind optimistisch und zuversichtlich und können auch dann etwas positiv noch sehen, wenn es für andere negativ erscheint. Sie hoffen das Beste für die Zukunft und tun ihr Mögliches, um ihre Ziele zu erreichen. Dabei haben sie ein klares Bild, was sie sich für die Zukunft wünschen und wie sie sich die Zukunft vorstellen. Wenn mal etwas nicht klappt, versuchen hoffnungsvolle Menschen trotz Herausforderungen oder Rückschlägen optimistisch in die Zukunft zu blicken. Niedrige Ausprägungen in der Hoffnung werden mit Pessimismus, Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit in Verbindung gebracht. Hoffnungslose und pessimistische Menschen machen eine düstere Prognose der Zukunft.

Humor: Lachen und Humor schätzen; die Leute gerne zum Lachen bringen

Humorvolle Menschen lachen gerne und bringen andere Menschen gerne zum Lächeln oder zum Lachen. Sie versuchen ihre Freunde und Freundinnen aufzuheitern, wenn diese in einer bedrückten Stimmung sind. Menschen mit einem ausgeprägten Sinn für Humor versuchen in allen möglichen Situationen Spass zu haben und gehen alles was sie tun, mit ein bisschen Humor an. Eine weitere Stärke humorvoller Menschen besteht darin, dass sie verschiedene Situationen von einer leichteren Seite her betrachten können. Menschen ohne Humor werden tendenziell als grimmig, mürrisch, ermüdend oder langweilig beschrieben.

Spiritualität: kohärente Überzeugungen über einen höheren Sinn des Lebens haben

Spirituelle Menschen haben widerspruchsfreie Überzeugungen über den höheren Sinn und Zweck des Universums. Sie glauben an eine übermächtige Macht bzw. an einen Gott. Ihre religiösen Überzeugungen beeinflussen ihr Denken, Handeln und Fühlen und können auch in schwierigen Zeiten eine Quelle des Trostes und der Kraft sein. Religiöse Menschen praktizieren ihre Religion, was sich durch unterschiedliche Verhaltensweisen zeigen kann, z.B. beten, meditieren, Kirchenbesuch oder Besinnung. Menschen, denen die Religion nichts bedeutet, finden keinen durch den Glauben unterstützten Lebenssinn.

 

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Quellen

(4) Martin E.P. Seligman: Der Glücks-Faktor, Bergisch-Gladbach 2003,S. 226

(5) Martin E.P. Seligman a.a.O. S. 224

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