Unangenehme Gefühle sind wichtig

Angst, Zorn, Trauer, Ekel, Scham fordern unsere Aufmerksamkeit. Sie drängen in den Vordergrund unseres Bewusstseins und es bringt gar nichts, sie davon verdrängen zu wollen. Es hilft auch nicht, auf sich selbst deshalb herum zu hacken. Trotzdem ist es ein weitverbreitetes Denkmuster. Was hat sich also bewährt im Umgang mit negativen Gefühlen, wenn Ausblenden keine Lösung ist?

Der erste Schritt ist Akzeptanz. Ja, auch wenn uns das im ersten Moment gegen den Strich geht: Akzeptanz unserer unangenehmen oder leidvollen Gefühle und der Situation, in der sie entstanden sind.  Akzeptanz bedeutet nicht, etwas gut zu finden. Wenn wir eine Situation akzeptieren, sehen wir sie als das, was sie ist. Wir rebellieren nicht gegen sie und versinken nicht in Passivität. Wenn wir ein Bein gebrochen haben und einen Gips tragen müssen, wird vom Ärger über diese Tatsache nichts besser. Hilfreicher ist die Überlegung, was man denn mit oder trotz Gipsbein machen kann.

Wenn wir etwas Unangenehmes akzeptieren, nehmen wir unsere Gefühle von Angst oder Zorn wahr und gleichzeitig auch die Situation mit ihren Möglichkeiten, Chancen und Grenzen. Wir beziehen uns mit unserem Handeln auf die aktuelle Situation, so wie sie ist. Nur so nutzen wir Chancen zu einer Veränderung zum Positiven.

Dazu gehört auch, Zorn und Trauer als im Kern gesunde und produktive Reaktionsweisen zu akzeptieren. Wenn unangenehme, negative Gefühle sich auf eine bestimmte Situation beziehen, sind sie wichtige Signale zum Schutz unseres Wohlbefindens, vergleichbar mit anderen körperlichen Schmerzempfindungen. Sie zeigen uns an, dass etwas nicht in Ordnung ist und wir uns darum kümmern müssen: Beispielsweise entsteht Ärger, weil wir glauben, ungerecht behandelt worden zu sein oder dass etwas uns daran hindert, sinnvolle Ziele zu erreichen. (1) Er kann uns helfen, gegen äußere Widerstände aktiv zu bleiben.

Anders sieht es aus mit Abwertung, Hass und Verachtung, die eher zerstörerisch wirken. Diese mit negativen Gefühlen verbundenen Einstellungen bleiben oftmals über einen längeren Zeitraum stabil, egal, ob der ursprüngliche Auslöser noch existiert oder nicht. Sie entstehen aus Annahmen, die verallgemeinernd bewerten, und sind für alle Beteiligten schädlich.

Es kann gut sein, dass wir viel Zeit damit verbringen, über Ängste oder Befürchtungen zu grübeln, die niemals passieren. Oder dass wir uns vor Ablehnung durch eine Gruppe schützen wollen, indem wir uns selbst mit anderen Mitgliedern vergleichen. Vielleicht überlegen wir, ob wir dazu passen, ob wir etwas tun, was die anderen ablehnen und so weiter ...

Gedanken oder innere Stimmen haben keinen neutralen Blick auf die Welt. Er ist unsere Art, uns auf der Grundlage bewusster oder unbewusster Erinnerungen (Gedächtnisinhalte) in der Welt zu orientieren. Wir denken eigentlich immer irgendwas - dafür ist unser Gehirn ausgelegt.

Abstand zu den Gedanken ist empfehlenswert, wenn wir durch unsere Gedanken in eine Abwärts- oder Wutspirale abdriften, weil wir jemanden anderen oder uns selbst abwerten oder überkritisch betrachten. Oder indem wir anfangen, uns vor Furcht oder Verlegenheit zu fürchten, weil wir glauben, diese Gefühle nicht haben zu dürfen. Unsere Denkgewohnheiten prägen unseren Alltag so sehr, dass es hilfreich ist, sie zu kennen.

Quellen:

  1. Russ Harris: Wer dem Glück hinterherrennt, läuft daran vorbei, 2010, S.89

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