Fragen, die mich seit einiger Zeit beschäftigen

Aktualisiert am 19. Juli 2026

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Wir werden täglich mit widersprüchlichen Aufforderungen konfrontiert – und viele landen beim Individuum. Als wäre die Antwort auf die großen gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit immer wieder dieselbe: Du musst etwas anders machen.

Aber was, wenn das Problem nicht beim Verhalten liegt? Was, wenn das Bild, das wir von uns selbst haben – als autonome Einzelpersonen, die sich durch richtige Entscheidungen aus dem Widerspruch herausoptimieren können – selbst Teil des Problems ist?

Seit vier Jahren beschäftigt mich genau diese Frage. Das erste Ergebnis war mein Blogartikel Unser Selbstkonzept verstehen: Was ist das Selbst und warum ist das wichtig? Aber je tiefer ich in die Forschung eingestiegen bin – Neurowissenschaft, Kulturpsychologie, Evolutionsforschung – desto klarer wurde: da steckt mehr dahinter. Inzwischen schreibe ich ein Buch darüber, mit dem Arbeitstitel: Ich – Warum das Ich eine Geschichte ist und Verbundenheit die Realität.

Das klingt vielleicht klarer, als es für mich war. Tatsächlich haben mich die vielfältigen Ansätze der unterschiedlichen Wissensgebiete lange verwirrt. Neurowissenschaft, Evolutionsforschung, Kulturpsychologie, Systemtheorie – jedes Fach hat seine eigene Sprache, seine eigenen Debatten, seine eigenen blinden Flecken. Ich bin Psychologin, keine Neurowissenschaftlerin, keine Anthropologin und keine Philosophin. Immer wieder habe ich mich gefragt, ob ich das Recht habe, über Gebiete zu schreiben, in denen andere die Experten sind.

Frau sitzt in einem Baumwurzelgeflecht

Es gibt zwar bereits Ansätze, die über das individuelle Verhalten hinausschauen – die Umweltpsychologie fragt, wie Rahmenbedingungen Entscheidungen prägen, oder das Konzept des Handabdrucks, das kollektive Wirkung in den Vordergrund stellt. Aber auch dort bleibt eine Frage meist offen: Welches Bild von der einzelnen Person liegt dem eigentlich zugrunde, wenn wir Menschen ansprechen wollen?

Genau hier setzt mein Buchprojekt an. Nicht als philosophische Spekulation, sondern auf der Grundlage dessen, was Neurowissenschaft, Kulturpsychologie und Evolutionsforschung inzwischen ziemlich eindeutig zeigen: Das Ich, das wir für selbstverständlich halten, ist keine biologische Tatsache. Es ist eine Geschichte – eine, die wir gelernt haben zu erzählen, und die wir auch anders erzählen könnten.

Ich habe nach Menschen gesucht, die mitschreiben wollen – jemanden mit der fachlichen Tiefe, die mir fehlt. Bisher ist das noch nicht gelungen. Aber vielleicht wird es ja noch.

Also schreibe ich weiter. Mit dem Bewusstsein, dass ich Zusammenhänge übersehen und Fehler machen werde. Und mit der Überzeugung, dass die Frage trotzdem gestellt werden muss.

Wandgemälde auf einer Hausfassade, zwei Frauen mit einem verbindenden Herz, angelehnt an Frida Kahlo
Foto von Jorge Gardner auf Unsplash

Vielleicht bist du ja jemand, der sich in einem dieser Wissensgebiete auskennt – oder jemand, den diese Frage auch beschäftigt. Welches Bild vom „Individuum“ begegnet dir in deinem Alltag, deiner Arbeit, deinem Umfeld? Und was fehlt dir daran? Ich freue mich über Gedanken, Hinweise und Widerspruch – in den Kommentaren oder per Mail.

Was zeigen diese Forschungsfelder nun konkret? Dass das Ich nicht der Ausgangspunkt ist, sondern das Ergebnis. Das Gehirn entwickelt durch Beziehungen – ohne frühe Resonanz mit anderen Menschen entsteht kein funktionierendes Selbst. Unsere Identität formt sich im Austausch mit anderen, lange bevor wir in der Lage sind, darüber nachzudenken. Und selbst das, was wir für unsere eigensten Gedanken halten, ist das Ergebnis jahrtausendealter kollektiver Weitergabe – wir denken nie wirklich eigenständig.

Das bedeutet nicht, dass die Einzelperson unwichtig wird. Es bedeutet, dass sie aus anderen Zusammenhängen entsteht, als wir dachten. Nicht in sich selbst, sondern in der Mitwelt.

Verbundenheit ist also keine Tugend, die wir uns antrainieren müssen. Sie ist die Struktur, aus der heraus wir entstehen – und aus der heraus wir handeln, ob wir es wissen oder nicht. Die Frage ist nur, ob wir das anerkennen. Und was sich verändert, wenn wir es tun. Die Frage ist, was sich verändert, wenn wir das anerkennen. Nicht nur persönlich, sondern in dem, wie wir gesellschaftliche Herausforderungen angehen, wie wir Institutionen gestalten, wie wir miteinander sprechen.

Das ist es, was mich bewegt. Und darum werde ich in den nächsten Monaten hier auf diesem Blog einzelne Fragen und Gedanken aus dem Schreibprozess teilen, bevor das Buch fertig ist. Beispielsweise: Könnte es sein, dass hinter Einsamkeitsgefühlen nicht nur steckt, wie wir uns verhalten oder wie die Menschen, die uns begegnen, mit uns umgehen – sondern auch ganz wesentlich, wie wir uns selbst erleben? Welches Bild wir von dem haben, was ein Individuum ist?

Vielleicht bist du ja jemand, der sich in einem dieser Wissensgebiete auskennt, die in dieses Buchprojekt einfließen – oder jemand, den diese Frage auch beschäftigt. Ich freue mich über Gedanken, Hinweise und Widerspruch – in den Kommentaren oder per Mail.

Ich bin ein bisschen aufgeregt – und neugierig, ob dieses Projekt für dich und für andere Menschen hilfreich ist. Ich freue mich über deine Gedanken.


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