Aktualisiert am 24. Juni 2024

Das Streben nach innerem Gleichgewicht ist tief in der Natur des Lebens selbst verwurzelt. Das gilt für Einzeller, für uns als Individuen und für jedes lebende System. Wenn ich spüre, dass ich meine Balance verliere, starte ich Gegenbewegungen, versuche sie wieder herzustellen.

Angefangen mit den Einzellern versuchen wir alle seit Beginn der Evolution unsere inneren Bedingungen und Prozesse konstant zu halten: die Zusammensetzung unserer Körperflüssigkeit, unsere innere Temperatur. Und bei uns Tieren geht es um die Stabilisierung von Blutzuckerspiegel, Blutdruck und Herzrhythmus.

Der Neurowissenschaftler Antonio R. Damasio sagt, dass sich das Leben durch Homöostase selbst erhält. Auf dem Weg vom Einzeller zum Organismus entwickelte sich das Nervensystem, und ermöglichte mit der Wahrnehmung eine bessere Anpassung an die Mitwelt.

Voraussetzung für das Überleben und Gedeihen in einer sich ständig verändernden Umwelt ist inneres Gleichgewicht.

Gelassen in Balance – der Zusammenhang von innerem Gleichgewicht und persönlichem Lebensglück

Auf psychischer Ebene streben wir auch nach innerem Gleichgewicht, einem Zustand der Ausgeglichenheit und Harmonie. Wenn wir uns gestresst, ängstlich oder unruhig fühlen, versuchen wir intuiv, dieses innere Gleichgewicht wiederherzustellen.

Dazu nutzen wir verschiedene Strategien wie Entspannung, Meditation, soziale Interaktion oder einen bewussten Rückzug in die Natur. All diese Methoden dienen dazu, unsere Emotionen, Gedanken und Stimmungen in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen und so unser psychisches Wohlbefinden zu stärken. Der enge Zusammenhang zwischen Homöostase und innerem Gleichgewicht zeigt, wie tief verwurzelt dieses Streben nach Balance in der Natur des Lebens ist.

Es ist eine fundamentale Eigenschaft, die es Lebewesen ermöglicht, in einer dynamischen Umwelt zu überleben und zu gedeihen. Indem wir diesen Zusammenhang verstehen, können wir unser Verständnis für die Bedeutung des inneren Gleichgewichts für unser Wohlbefinden vertiefen.

Ein Mensch liegt entspannt in den Ästen eines großen Baums

Wege, um wieder in innere Balance zu kommen

Es passiert so oft, dass wir in uns widersprüchliche Tendenzen haben. Wir fühlen uns dann zerrissen. Was dann erst mal hilft, ist Selbstmitgefühl. In diesem Blogartikel habe ich näher beschrieben, worum es dabei geht:

Es ist normal, dass wir in uns verschiedene Bedürfnisse und Ziele haben, die sich widersprechen. Aber wenn wir versuchen, die falschen Dinge zu kontrollieren, geht das schief. Wenn wir kontrollieren wollen, wie wir denken und fühlen, wie andere Menschen denken und fühlen oder wie sich äußere Ereignisse entwickeln, verlieren wir die Kontrolle.

Es ist langfristig nicht hilfreich, innere Konflikte auszublenden, auch wenn das kurzfristig das Mittel der Wahl sein kann. Auf längere Sicht macht es mehr Sinn, den Gefühlen und Impulsen Raum zu geben und in einer guten Art mit ihnen umzugehen.

Die vier Grundlagen psychischer Stärke

Das Modell von Louise R. Hayes stammt aus der Psychotherapieforschung. Es ist hilfreich, um die inneren Prozesse aus einer Perspektive wahrzunehmen, die psychische Flexibilität unterstützt.

Stärkere soziale Verbundenheit und ein stärkeres Selbst durch ein inneres Gleichgewicht der vier psychischen Funktionsweisen.
Der innere Kompass

Ein Bild für Antriebskraft und Steuerung der innere Kompass, zusammengesetzt aus:

  • Werten die dein Handeln steuern: deiner Fähigkeit, etwas zu tun, das aus deiner Sicht sinnvoll ist
  • deiner Vitalität: der Gradmesser, wie lebendig du dich bei etwas fühlst

Viele Menschen klagen heute über Streß, fühlen sich ausgelaugt. Was würde es für dich heißen, wenn der Schlüssel zu mehr Vitalität nicht wäre, weniger zu tun, sondern das für dich Richtige zu tun?

Klar, das ist nicht immer leicht. Aber zwischen immer und fast nie liegt eine große Spanne. Wenn du in dich gehst, was sind die Aktivitäten, die dir Energie bringen anstatt dich auszulaugen?

Hinweise in diese Richtung erhältst du auch, wenn du dich mit deinen Charakterstärken beschäftigst: wie du deine Stärken erkennen und ausbauen kannst.

Innere Beratung

Wir alle haben eine innere Stimme, die ständig in umserem Kopf spürbar ist. Diese Stimme macht uns Vorschläge, kommentiert, bewertert. Wir können sie auch als innere Beratung sehen. Und, wie es mit Beratenden immer so ist, sie können hilfreich oder gar nicht hilfreich sein. Evolutionär betrachtet hat sich die innere Beratung entwickelt, um uns zu helfen Risiken zu vermeiden. Sie sagt dann z.B. „sei jetzt vorsichtig“ oder „pass auf!“.

Diese innere Stimme ist hauptsächlich auf Probleme orientiert, auf das, was gefährlich oder unangenehm sein könnte. Damit sichert sie unser Überleben. Andererseits kann das ein riesiger Hemmschuh sein, um etwas Neues auszuprobieren, ein Risiko einzugehen.

Sie kann uns auch selbst angreifen. Dann kann die innere Beratung zum inneren Kritiker werden, der uns nicht mehr schützt, sondern uns schadet. Ein Zeichen dafür ist, wenn du häufig über etwas grübelst ohne in der Sache weiterkommst.

Viele Dinge lassen sich allein durch Nachdenken nicht lösen. Es ist dann empfehlenswert, deine innere Stimme freundlich zur Kenntnis zu nehmen, aber sich nicht danach zu richten. Mehr dazu findest du im Artikel Freundschaft mit dem inneren Kritiker

Bewusste Wahrnehmung

Durch unseren Körper wird unser Leben und unsere Erlebnisse spürbar. Er ist die Grundlage unseres Bewusstseins. In der westlichen Welt sind wir es als Erwachsene gewöhnt, die innere Wahrnehmung im Alltag eher herunterzufahren. Denken erscheint wichtiger als Gefühle und versucht sie häufig zu kontrollieren.

Tatsächlich sind unsere Gedanken von unseren Gefühlen nicht zu trennen. Warum, habe ich in diesem Artikel beschrieben

Frau schaut aus dem Fenster, um ihr inneres Gleichgewicht wieder herzustellen.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist klar, dass es für unsere mentale und körperliche Gesundheit langfristig wichtig ist, unsere Körperempfindungen wahrzunehmen. Alle Gefühle sind in Ordnung und haben ihren Sinn. Wir können wählen, wie wir auf sie reagieren und mit ihnen umgehen wollen.

Wenn wir Angst oder Zorn fühlst, ist es gut das bewusst zu spüren. Wichtig ist, uns nicht von unseren Gefühlen kontrollieren zu lassen und sie nicht zu bekämpfen. Nimm sie wahr als Botschaft und als Teil deiner selbst. Unsere Körperempfindungen wahrzunehmen, uns ihnen bewusst zuzuwenden, ohne uns mit ihnen zu identifizieren, ist eine Kernfähigkeit für innere Harmonie.

Wenn du dich darin übst, deine innere Welt fließen zu lassen …, wirst du mehr Vitalität, stärkere Beziehungen und weniger Arbeitsstress haben.

Louise L. Hayes et al, 2022

Das bedeutet nicht ständige Versunkenheit in dich selbst. Auch wenn Augenblicke der Ruhe hilfreich sind. Die Wahrnehmung und Verbundenheit mit deiner Mitwelt sind genauso relevant. Das zu beachten, was du im Außen wahrnehmen kannst, macht dich ebenfalls lebendig, holt dich aus deiner inneren Welt.

Entdeckungslust

Dieser Anteil unserer Psyche sorgt dafür, dass wir Neues entdecken wollen. Unbekanntest auszuprobieren kann ein spannendes Abenteuer sein, wenn wir bereit sind Risiken einzugehen. Entdeckungslust treibt uns an, aktiv zu werden.

Sie ist besonders hilfreich, wenn uns unsere innere Stimme wenn wir in einem Problem feststecken und durch Nachdenken nicht weiterkommen. Dann ist der innere Antrieb, etwas auszuprobieren sehr hilfreich.

Entdeckungslust ist häufig von Unsicherheit und Angst begleitet. Und das kann hilfreich sein, wenn wir uns von der Angst nicht blockieren lassen, wenn wir ihr als Warnung aber nicht als Verbot Raum geben. Denn jeder Entwicklungsschritt in ein noch unbekanntes Terrain birgt in sich das Risiko, Fehler zu machen.

Das ist einer der Gründe, warum Kinder schneller lernen als viele ältere Menschen: sie probieren ihren Roller oder ein neues Gerät einfach aus und spielen damit herum. Sie versuchen es nicht im Kopf zu lösen. So entdecken sie, was funktioniert und was nicht. Wir Erwachsenen können derweil kalkulierte Risiken eingehen. Auch mit kleinen, vorsichtigen Schritten können wir Neues entdecken. Es liegt an unserer persönlichen Sichtweise, wie weit wir gehen wollen.

Alle vier Funktionsweisen unserer Psyche, der innere Kompass, der beratende, der beobachtende und der entdeckende Anteil sind wichtig für unser inneres Gleichgewicht.

Du musst nicht versuchen, Liebe, Arbeit und Spiel in einem perfekten Gleichgewicht zu halten. Perfektes Gleichgewicht ist nicht das, was es bedeutet, ganz zu sein. Ganz zu sein bedeutet, offen zu sein und alle Teile deiner Persönlichkeit zuzulassen: die hellen und dunklen Seiten, die Stärken und Schwächen, die Erfolge und Misserfolge. Dazu kommt die Kombination aus einem genussvollen und zutiefst sinnvollen Leben und die Umarmung von Neuem und Beständigem. Wenn du die scheinbar widersprüchlichen Aspekte deines Selbst anerkennst, kannst du mehr Energie und Einfluss in der Gegenwart entfalten und deine Vitalität, Beweglichkeit und Ausdauer für die vor dir liegenden Lebensaufgaben einsetzen.

Robert Biswas-Diener, Todd Kashdan 2014

Vom ich zum wir – Bedeutung von innerem Gleichgewicht für ein gutes Miteinander

Die meisten Menschen auf der Welt halten Harmonie für die wesentliche Grundlage von Lebensglück. In westlichen Ländern wird unter „Glück“ oft ein berauschendes Gefühl verstanden, etwas Aufregendes, Wunderbares. In asiatischen Ländern ist die am häufigsten genannte Eigenschaft von Glück die innere Harmonie mit den eigenen Stärken und Schwächen, mit anderen Menschen und mit der Welt im Allgemeinen.

Genauso wie in unserem Inneren muss Harmonie in Beziehungen nicht „Friede, Freude, Eierkuchen“ heißen. Im Gegenteil, die eigenen Bedürfnisse sind wichtig und müssen Teil einer Beziehung sein, wenn sich Menschen langfristig darin wohlfühlen sollen.

Wir Menschen sind soziale Wesen und brauchen vertrauensvolle soziale Beziehungen für unser Wohlergehen. Und damit wir Vertrauen haben, brauchen wir die Sicherheit, dass unsere Bedürfnisse zum großen Teil gesehen werden.

Mehr über das Thema „Vertrauen in Beziehungen“ erfährst du in diesem Blogartikel.

Das Ausbalancieren von Bedürfnissen ist das Geheimnis gelingender Beziehungen. Es heißt nicht, dass meine Bedürfnisse jederzeit in einer Beziehung erfüllt werden. Mal stelle ich meine aktuellen Bedürfnisse zurück, mal die Person, mit der ich die Beziehung habe. Damit das Freude macht, ist es nötig, dass mich interessiert, was mein Gegenüber denkt und fühlt.

So wird es auch in der Systemischen Familientherapie beschrieben: es braucht ein Gleichgewicht zwischen Zusammenhalt und der Unabhängigkeit der einzelnen Familienmitglieder. Die psychischen Grundbedürfnisse der Individuen nach menschlicher Nähe und Autonomie spiegen sich im Familiensystem wieder.

Wenn die Bedürfnisse einzelner Personen dauerhaft vernachlässigt werden, kann dies zu Spannungen, Konflikten und Unzufriedenheit führen. Umgekehrt kann eine Überfokussierung auf die Bedürfnisse Einzelner das Familiengefüge aus dem Lot bringen.

Der Schlüssel liegt darin, einen ausgewogenen Interessenausgleich zu finden – eine Balance zwischen Nähe und Distanz, Gemeinschaft und Individualität, Abhängigkeit und Selbstständigkeit.

So entstehen auch andere Beziehungen: wenn sich vertrauensvolles Miteinander wiederholt, entsteht daraus eine besondere Beziehung, vielleicht eine Freundschaft.

Gutes Miteinander in Gruppen – Gleichgewicht der Bedürfnisse in der Gruppe als Grundlage des Zusammenhalts

Wie bei Einzellern, Organismen und in Beziehung geht es in Gruppen um die Bedürfnisse aller Elemente, also der Mitglieder und auch schon vorhandener Freundschaftsbeziehungen. Denn wenn Menschen zusammenkommen, bringt jede*r Einzelne individuellen Bedürfnisse, Perspektiven und Ziele mit. Damit ein gutes Miteinander entstehen kann, braucht es das Gleichgewicht zwischen diesen unterschiedlichen Ansprüchen.

Wenn die individuellen Bedürfnisse, Wünsche und Möglichkeiten der Mitglieder eingebracht und berücksichtigt werden, fühlen sich alle wohl. Daraus entsteht etwas Gemeinsames, was diese Gruppe ausmacht und für sie charakteristisch ist. Die Mitglieder identifizieren sich dann mit ihrer Gruppe.

Spannungsfeld individuelle Bedürfnisse und Gruppenbedürfnisse

Wie wir alle wissen, können Gruppen von Einzelnen dominiert werden. Das zeigt sich daran, wie Entscheidungen gefällt werden. Wenn die Ziele von Einzelpersonen im Vordergrund stehen und die Ziele anderer nicht beachtet werden, schadet das der Gruppe als Ganzer. Genauso schädlich ist es, wenn Gruppenziele dauerhaft wichtiger sind als die Bedürfnisse der einzelnen Gruppenmitglieder. Die geforderte Unterordnung unter einen „Gruppenzwang“ führt mittelfristig zu mehr oder weniger offen sichtbaren Spannungen

In beiden Fällen kommt es zu Frustration, Konflikten und letztlich zum Auseinanderbrechen der Gruppe, wenn die Gruppenzugehörigkeit freiwillig ist. Ein fragiles inneres Gleichgewicht der Gruppe ist also essentiell für ein gutes Miteinander.

Gleichzeitig ist dieser Interessenkonflikt ein fundamentaler Aspekt menschlichen Zusammenlebens. Denn Verhaltensweisen, die die gut für die Gruppe sind, sind oft Kompromisse, die Nachteile für Einzelpersonen haben können.

Individuen streben danach, für sich selbst zu sorgen und möglichst viel Vorteile zu haben.
Für Gruppen ist es vorteilhafter, wenn sich die Mitglieder untereinander altruistisch verhalten.

Paul Atkins, David Sloan Wilson, Steven Hayes 2019

Eine gute Balance zwischen den Interessen der Gruppe als Ganzes und den Einzelpersonen ist zental für die Überlebensfähigkeit und den Erfolg der Gruppe. Es kann am ehesten erreicht werden, wenn Entscheidungen im Austausch mit allen gefällt werden, die sie betreffen.

Nicht jede*r muss dafür exakt das Gleiche beisteuern – entscheidend ist, dass die individuellen Möglichkeiten und Umstände der Einzelnen berücksichtigt werden. Belastungen und Vorteile der Gruppenzugehörigkeit werden dann von allen als fair empfunden.

Die für das Gelingen von Zusammenhalt hilfreichen Prinzipien habe ich in meinem Blogartikel Gemeinschaft stärken beschrieben.

Integrierte Vielfalt – vom Gleichgewicht individueller und übergeordneter Ansprüche

Mit Blick auf das regionale und globale Zusammenleben stehen wir vor der gleichen Herausforderung, Bedürfnisse und Interessen von Individuen und Gruppen mit den Anforderungen und Zielen größerer Gemeinschaften in Einklang zu bringen. Genau wie Individuen und kleine Gemeinschaften versuchen, ihr inneres Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, ist ein Ausgleich der Bedürfnisse und Interessen in der gesamten Gesellschaft eine Grundvoraussetzung für ein gedeihliches Zusammenleben.

Diese Dynamik spiegelt sich auf allen Ebenen unserer Gesellschaft wider – von der Familie über Organisationen bis hin zu Nationen und globalen Systemen. Was für das Individuum oder eine Teilgruppe für eine gewisse Zeit optimal erscheint, kann für die gesamte Gemeinschaft suboptimal oder sogar schädlich sein.

Wenn in einer Gesellschaft einzelne Gruppen oder Interessen dominieren und andere systematisch vernachlässigt werden, führt dies langfristig zu Spannungen, Konflikten und einer Destabilisierung des gesellschaftlichen Gefüges. Stattdessen braucht es ein Gleichgewicht, bei dem die verschiedenen Anliegen und Bedürfnisse der Bürger in einem ausgewogenen Interessenausgleich zusammenfließen.

Ein Beispiel wäre eine Gesellschaft, in der die wirtschaftlichen Interessen bestimmter Eliten die Bedürfnisse sozial Schwächerer überlagern. Auf Dauer wird dies den sozialen Zusammenhalt und den inneren Frieden der Gesellschaft untergraben. Stattdessen ist ein ausbalancierter Interessenausgleich notwendig, bei dem niemand komplett dominiert und niemand komplett untergeht. Das ist entscheidend für deren langfristigen Erfolg und Stabilität.

Funktionieren und Zusammenhalt dieser größeren Systeme erfordern einen gewissen Grad an Altruismus und Rücksichtnahme von Seiten der Individuen und Teilgruppen. Earth for all schlägt z.B. vor, „sicherzustellen, dass die reichsten 10 % weniger als 40 % des nationalen Einkommens erhalten.“ (Übersetzung von mir)

Die prinzipielle Fähigkeit dazu ist uns als Menschen angeboren. Das habe ich in meinem Artikel Ein gutes Miteinander – warum es für uns überlebenswichtig ist ausführlicher erklärt. Wie sehr sie durch unsere derzeitige Kultur unterstützt wird, ist eine andere Frage.

Wenn in einer Kultur individueller Erfolg oder der Erfolg einer einzelnen Gruppe oder Organisation das relevante Kennzeichen für Erfolg ist, fördert das Rücksichtslosigkeit und Konflikte im übergeordneten Zusammenhang. Wenn das Auswahlkriterium für Erfolg der gemeinsame Erfolg ist, entsteht mehr kooperatives Verhalten. Um das zu erreichen, braucht es Institutionen und Prozesse, die den Interessenausgleich moderieren. Dazu gehören zum Beispiel Formen der Mitbestimmung, des sozialen Ausgleichs und einer verantwortungsvollen Politik, die die Vielfalt der Bedürfnisse berücksichtigt.

Es sind die kulturell geprägten Vorstellungen von dem, was Erfolg bedeutet, an denen sich Menschen mit ihrem Verhalten orientieren und damit auch die Vorgehensweisen von Organisationen und Ländern bestimmen.

Geschichten sind Darstellungen von Veränderungen. Im Westen versuchen wir, die Kräfte des Wandels mutig zu beherrschen, während die Menschen im Osten ein Weg suchen, sie in Harmonie zu bringen.

Will Storr, 2017

Der Lösungsansatz von Elinor Ostrom mit den Gestaltungsprinzipien für Gruppen lässt sich übertragen: übergeordnete Gruppen auf einer höheren Ebene des Systems können ebenfalls so zusammenarbeiten, dass sie sich am Gleichgewicht der Bedürfnisse orientieren. Die Mitglieder der übergeordneten Gruppe sind Gruppen. Aus der Kooperation von Gruppen, die im Gleichgewicht sind, wird auf einer höheren Ebene ein Gleichgewicht entwickelt, das die Interessen der untergeordneten Ebenen einschließt.

Das funktioniert, wenn

  • für die beteiligten Menschen auch die übergeordneten Ebenen identitätsstiftend sind – ich fühle mich als Einzelperson als Teil von etwas Größerem
  • es gemeinsame Ziele und Interessen gibt – Die Mitgliedschaft vergrößert meine Einflußmöglichkeiten.

Auf gesellschaftlicher Ebene ist dieser Ansatz heute eine Utopie. Was uns ja nicht daran hindern muss, Schritte in diese Richtung zu gehen. Ich glaube, das wir heute einen Lernprozess für unsere evolutionäre Fitness und die Sicherung unserer überlebenswichtigen Ressourcen brauchen, der uns auf diesem Weg weiterführt und global ist: einen Schritt gemeinsamer kultureller Evolution.

So wie jedes Organ in unserem Körper auf natürliche Weise kooperiert, um das Leben des Organismus aufrechtzuerhalten, hat sich die Menschheit zu ihrer Position mit planetarischem Einfluss entwickelt, indem sie besser als jede andere Spezies kooperiert. Natürlich gibt es auch Menschen, die bei der Zusammenarbeit versagen, und so wie Körperorgane von „egoistischen“ Krebszellen geplagt werden können, kann die menschliche Zusammenarbeit durch eine übermäßige Konzentration auf individualistische Eigeninteressen untergraben werden.

Wilson, Styles, Atkins 2024

Zusammenfassung: Inneres Gleichgewicht – ein wichtiger Schlüssel zu einem ganzheitlich guten Leben

Inneres Gleichgewicht ist zentral für ein erfülltes, zufriedenes Leben und in vielen Kulturen ein Ausdruck von Lebensglück.

  • Das Streben nach innerem Gleichgewicht ist tief in der Natur des Lebens verwurzelt, angefangen bei Einzellern bis hin zum Menschen. Auf physischer Ebene bedeutet dies, Körperfunktionen wie Temperatur und Blutzuckerspiegel konstant zu halten. Auf psychischer Ebene suchen wir nach Ausgeglichenheit und Harmonie, um unser Wohlbefinden zu stärken.
  • Wege, um innere Balance wiederzufinden, sind u.a. Selbstmitgefühl, bewusste Wahrnehmung der eigenen Körper- und Gefühlszustände sowie Entdeckungsfreude und Experimentierfreude.
  • Zwischenmenschlicher Beziehungen und Gruppend brauchen inneres Gleichgewicht im Ausgleich zwischen den Bedürfnissen Einzelner und dem Wohl der Gruppe.
  • Auch auf gesellschaftlicher Ebene geht es darum, ein Gleichgewicht zwischen individuellen und Gruppenansprüchen und übergeordneten Zielen zu finden. Dafür braucht es einen Lernprozess hin zu einer kooperativeren, gemeinwohlorientierten Kultur.

Portrait von Ursula Le Guin
Oregon State University, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

„Gleichgewicht ist Bewegung, nicht Starre.“

– Ursula Le Guin, 1969

Quellen

Atkins, Paul W. B., David Sloan Wilson, und Steven C. Hayes. Prosocial – Using Evolutionary Scince to Build Productive, Equitable, and Collaborative Groups. Oakland: New Harbinger Publications, 2019

Biswas-Diener, Robert, und Todd Kashdan. The Upside of Your Dark Side: Why Being Your Whole Self–Not Just Your „Good“ Self–Drives Success and Fulfillment. New York: Hudson Street Press, 2014., S.213f

Carreno DF, Eisenbeck N, Greville J, Wong PTP. Cross-Cultural Psychometric Analysis of the Mature Happiness Scale-Revised: Mature Happiness, Psychological Inflexibility, and the PERMA Model. J Happiness Stud. 2023;24(3):1075-1099. doi: 10.1007/s10902-023-00633-7. Epub 2023 Feb 16. PMID: 36820217; PMCID: PMC9932412.

Damasio, Antonio R. Wie wir denken, wie wir fühlen: die Ursprünge unseres Bewusstseins. Übersetzt von Sebastian Vogel. 1. Auflage. München: Carl Hanser Verlag, 2021

Gazzaniga, Michael S. Die Ich-Illusion wie Bewusstsein und freier Wille entstehen. Übersetzt von Dagmar Mallett. München: Hanser, 2012

Hayes, Louise L.; Ciarrochi, Joseph V.; Bailey, Ann. What Makes You Stronger: How to Thrive in the Face of Change and Uncertainty Using Acceptance and Commitment Therapy (English Edition). 2022, New Harbinger Publications.

Storr, Will. Selfie: how we became so self-obsessed and what it’s doing to us. London: Picador, an imprint of Pan Macmillan, 2017., S.79

Wilson, David Sloan, Guru Madhavan, Michele J. Gelfand, Steven C. Hayes, Paul W. B. Atkins, und Rita R. Colwell. „Multilevel cultural evolution: From new theory to practical applications“. Proceedings of the National Academy of Sciences 120, Nr. 16 (18. April 2023): e2218222120. https://doi.org/10.1073/pnas.2218222120.

Wilson, D. S., Styles, R., & Atkins, P. W. B. (2024). Conscious Multilevel Cultural Evolution: Theory, Practice, and Two Case Studies. This View of Life, May 21. https://doi.org/10.5281/zenodo.11237061