Einstellungen und HaltungenGefühle

Was ist das Selbst?

Drei Figuren hinter einem roten Vorhang

Im September war ich sehr erschöpft und überfordert von dem, was ich tun wollte, um die Lerncommunity “zufrieden leben” zu starten. Ich glaube, dass diese Überforderung mit meinem Selbstkonzept zu tun hatte, mit meinem Verständnis von Produktivität und Arbeit. Also nahm ich mir vor, die gewohnte zielorientierte Strukturierung meines Arbeitsalltags loszulassen und zu schauen, was sich entwickeln würde.
Ich setzte ich mich in den bequemen Ledersessel, den ich von meinen Eltern geerbt habe, und begann zu lesen. Lesen ist für mich oft erholsam, sicher weil die Lust am Lernen meine wichtigste Signaturstärke ist.

Wer bin ich?

Ich tauchte ein in “A Liberated Mind” (Ein befreiter Geist) von Steven C. Hayes, mit dem Untertitel (von mir übersetzt) “Wie man sich dem zuwenden kann, worauf es ankommt”. Ich beschäftigte mich besonders mit seiner Sicht auf das Selbst, die vieles von dem, was in meinem Gedächtnis bereits herumgeisterte aufnahm und in ein neues Bild einbettete. Zu unserem Körper (incl. Gehirn) gehört eine Vielzahl höchst unterschiedlicher neuronaler Verhaltensmuster wie Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, die durchaus widersprüchlich sein können.

Ein neues Bild von mir selbst

Bisher hatte ich eher die Vorstellung, dass reife Menschen eine harmonische und, im Sinne ihrer persönlichen Werte, gut integrierte Identität haben. Jetzt ist mir klar, dass das wissenschaftliche Verständnis von Gefühlen sich ausweitet zu einer grundlegenden Veränderung des Bildes vom Selbst. Es besteht aus einer Unmenge von Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühlen, die vor allem dafür sorgen, das Überleben sichern und vor Gefahren zu schützen.

Mit anderen Worten: weder mein Verstand ist die absolut vertrauenswürdige Leitinstanz für meine Entscheidungen, noch mein Bauchgefühl oder meine Intuition.

Wer bin Ich? Mein Blick in den Spiegel

Diese “inneren Stimmen” können sehr überzeugend sein, ob als Glaubenssätze, als Überlegungen oder Impulse. Sie symbolisieren das, was wir für richtig und angemessen halten und sind deshalb sehr attraktiv, auch wenn sie uns in der Realität schaden. Mein Bild dafür sind die oft faszinierenden Aktivitäten eines Kleinkindes.

Für das gesunde Gedeihen des Kindes braucht es jemanden, der freundlich zuschaut und eingreift, wenn es nötig ist. Dieser jemand ist sich bewusst, dass er nicht das Kind ist und identifiziert sich auch nicht mit ihm, bei allem Mitgefühl.

Der innere Beobachter oder das transzendente Selbst

In traditionell geprägten Meditationsschulen heißt dieser jemand “der innere Beobachter”. Steven Hayes nennt ihn “das transzendente Selbst”. Aus seiner Sicht befreien wir uns vom Griff der Selbstbewertung, des inneren Kritikers, wenn wir uns mit unserem transzendenten Selbst verbinden. Wir verstehen uns nicht vor allem als besonderes Individuum, das von diesen oder jenen Geschichten geprägt ist, sondern als das Selbst im Hier und Jetzt. Wir identifizieren uns nicht mehr mit unseren Gedanken, Geschichten, Wahrnehmungen und Gefühlen, sondern akzeptieren sie und sind ihnen freundlich zugewandt.

Deshalb müssen wir uns auch nicht durch Geschichten über unsere individuellen Besonderheiten von anderen abheben, um für sie interessant zu sein. “Stattdessen erkennen wir, dass es unser Geburtsrecht ist, mit anderen im Bewusstsein als menschliche Wesen verbunden zu sein, unabhängig inwieweit wir zu den Bewertungsmaßstäben von jemand anderem oder uns selbst passen.1

Die Frage “wer bin ich” loslassen

Wenn wir unser gewohntes Ich loslassen und uns damit auch von der Anforderung trennen, in unserem psychischen Erleben einheitlich sein zu sollen und ausgerichtet an Werten, sind widersprüchliche, bedrohliche Gefühls- oder Verstandesäußerungen weniger gefährlich. Wir verwechseln sie nicht mehr mit der Realität, sondern nehmen sie als das, was sie sind: unsere Gedanken, unsere Gefühle, unsere Wahrnehmungen2. Sie werden mehr zu einem Vorschlag, den wir auch freundlich ablehnen können. Wenn sie zu unseren Werten und Zielen passen – wunderbar. Wenn sie das stören oder behindern, was wir uns vorgenommen haben, nehmen wir sie zur Kenntnis und folgen ihnen nicht. Das erspart uns den Kampf, sowohl die Gefangenschaft in der Grübelschleife als auch mit Menschen, die etwas anders sehen. Es geht nicht um die Frage wer wir sind. Es geht um die Orientierungsreaktion, die unseren Lebenserfahrungen entspricht.

Für mich ist die Identifikation mit dem transzendenten Selbst eine Befreiung und eine Verunsicherung zugleich. Sie befreit mich von der Verpflichtung, mein Leben entsprechend meiner Arbeitsziele durchzutakten und zu “funktionieren”. Gleichzeitig nimmt sie mir die Sicherheit schon zu wissen, was im Hier und Jetzt am besten zu tun ist.

Wie sehen Sie das? Wie gehen Sie um mit der Frage: wer bin ich? Wie gehen Sie durch Ihren Alltag mit seinen Anforderungen und Möglichkeiten ?

Anders umgehen mit der Frage “wer bin ich” – Übungen

Ich bin – ich bin nicht

Mein Selbstbild wahrnehmen und mich von ihm lösen: Drei Eigenschaften

Ihre Geschichte neu schreiben

1. Schritt

Schreiben Sie eine kurze Geschichte über sich selbst, über etwas das Ihnen Schwierigkeiten macht. Diese Schwierigkeiten sollten Sie an etwas aus Ihrer Vergangenheit erinnern. Schildern Sie einiges aus dieser Vergangenheit und die inneren und äußeren Einflussfaktoren. Die Geschichte sollte ein paar hundert Wörter lang sein.

2. Schritt

Wenn Sie fertig mit der Geschichte sind, kreisen Sie mit einem Stift alle Wörter ein, die Reaktionen sind: Gedanken, Gefühle, Erinnerungen oder tatsächliches Verhalten. Dazu gehört nicht Ihre Erklärung für die Reaktion, sondern nur dir Reaktion selbst. (Im Beispiel sind sie fett gedruckt.

Damit Ihr Verstand Tatsachen nicht mit Reaktionen vermischt, gehen Sie jetzt nochmal durch den Text und unterstreichen äußere Situationen oder Tatsachen.

Beispiel: Wenn ich mir vornehme, vormittags vier Stunden am Schreibtisch zu sein oder andere Tätigkeiten auszuführen, entsteht in mir ein Druck. Eine innere Stimme erwacht und ruft: schneller! besser! konzentrierter! Der Druck wirkt sehr stark auf mich. Er erinnert mich an meinen Vater, der fast nie zufriedenzustellen war. In der Schule musste es die Bestnote sein. Brachte ich eine 2 nach Hause, war sein Kommentar: das hätte auch eine 1 sein können. Nichts von dem, was ich tat, fand er wirklich gut. Und ich wünschte mir so sehr, seine Anerkennung zu erreichen. Also strengte ich mich an. Ich versuchte, herausragende Leistungen zu bringen. Und gleichzeitig nicht meine Schwester zu kränken, die sich in der Schule schwer tat. Der klassische Fall von mit einem Fuß Gas geben und mit dem anderen bremsen. Das löst Angst aus und den Gedanken: ich bin nicht gut genug.

3. Schritt

Jetzt kommt die Herausforderung: Schreiben Sie das, was Sie gerade aufgeschrieben habe neu auf, aber so, dass jedes eingekreiste oder unterstrichene Element darin vorkommt, aber mit einem ganz anderen Thema, anderer Bedeutung, anderem Ergebnis oder Richtung. Das Ziel ist, einen neuen Sinn zu finden, der gut zu den markierten Wörtern passt, nicht eine bessere, glücklichere oder wahrere Geschichte zu schreiben.

Beispiel: Wenn ich mir vornehme, vormittags vier Stunden am Schreibtisch zu sein entsteht in mir ein Druck. Eine innere Stimme erwacht und sagt: jetzt geht es los! Es ist viel Energie in mir spürbar. Das erinnert mich an Aufbruch, Spannung, Aufregung. Der Druck wirkt sehr stark auf mich.

Diese Leistungsorientierung hat mit meinem Vater zu tun. Ihm war schulische Leistung sehr wichtig. Er hatte als Jugendlicher in der Nazizeit die Schule verlassen müssen und Zwangsarbeit machen. Sein Ingenieurstudium nach dem Krieg schloss er zwar ab, arbeitete dann aber als Handelsvertreter für seinen erkrankten Vater, um die Familie zu ernähren.

Für meinen Vater hingen Leistung und soziale Anerkennung zusammen. Dass das auch mich als Mädchen in den 1960er Jahren einschloss, war fast feministisch zu der damaligen Zeit, in der die meisten bürgerlichen Frauen ausschließlich Hausfrauen waren. Brachte ich eine 2 nach Hause, war sein Kommentar: das hätte auch eine 1 sein können. Er glaubte mich damit anzuspornen.

Ich wünschte mir so sehr, seine Anerkennung zu erreichen. Deshalb strengte ich mich an, in der Schule, im Sportverein, beim Musikunterricht. Ich versuchte, herausragende Leistungen zu bringen. Zwischendrin kam immer wieder die Angst mit dem Gedanken: ich bin nicht gut genug. Inzwischen weiß ich, dass dieser Gedanke sehr verbreitet ist. Er kommt immer wieder hoch, aber ich weiß: er ist nur ein Gedanke. Er verbindet mich auch mit einer Traurigkeit, mich meinem Vater gegenüber, so gerne ich ihn mochte, fremd gefühlt zu haben.

Warum diese Übung?

Sie unterstützt die Erkenntnis, dass unsere Voreinstellungen zu Interpretation von Sachverhalten führt, stärker als die betreffende Situation selbst. Stellen Sie sich vor, es gäbe zu jedem Augenblick eine Vielfalt unterschiedlicher Geschichten, ihn einzuordnen. Die, die uns zuerst in den Sinn kommt, ist nur eine davon. Und sie könnten frei wählen, welche Geschichte ihnen am sinnvollsten und nützlichsten erscheint. Wie sollte sich die Geschichte weiterentwickeln, wie soll es Ihrer Meinung nach weitergehen? Und wen würden Sie lieber bestimmen lassen, was Sie wählen: Ihre automatische innere Stimme oder Ihr transzendentes Selbst?

Quellen

1 A Liberated Mind, 2019, S. 174 – übersetzt von R.Habermehl
2 Ähnlich auch Christoph Germer: Der achtsame Weg zur Selbstliebe, Freiburg 2010, S. 125f

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