Ich hatte lange die Vorstellung, Gefühle seien wie Wasserdampf: kraftvoll und gefährlich, wenn sie zu lange unter Druck gehalten werden. Deshalb wäre es gut, Gefühle ausleben oder sie zu „verarbeiten“. Ganz schlecht wäre es Gefühle zu „verdrängen“. Deshalb schlugen manche Leute auf Kissen, um Aggressionen „herauszulassen“.

 Inzwischen sehen viele einflussreiche Wissenschaftler und Autoren das anders. Gefühle werden nicht mehr als eine Energie verstanden, die (ab)fließen muss, damit ein „Gefühlsstau“ mit schädlichen Auswirkungen vermieden wird. Gefühle werden heute als Grundlage unserer Bewertungen, unserer Orientierung im Alltag, unserer Intuition, verstanden.

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Unsere Gedanken und unsere persönlichen Einstellungen können Gefühle anfeuern. Manchmal geht das in die falsche Richtung, z.B. wenn wir uns in depressiven Grübelschleifen verfangen und es uns immer schlechter geht. Immer haben Gefühl und Denken viel miteinander zu tun.

Das heutige Verständnis von Gefühlen

 Die im Abendland verbreitete traditionelle Ansicht, dass Gefühle etwas Untergeordnetes und Nachrangiges seien, während das Denken wertvoll sei, lässt sich so nicht mehr halten. Gedanken sind durch Gefühle geprägt und Gefühle durch unsere Gedanken. Wir brauchen beides. 

Wir fühlen, weil wir einen ausbalancierten Körperhaushalt brauchen, um gut und möglichst gesund zu überleben. Wir haben Gefühle als Orientierungshilfe und nicht, um das Leben zu genießen. Dazu brauchen wir angenehme und unangenehme Gefühle. Vergleichbare Sichtweisen gibt es im Zusammenhang mit Meditation, Buddhismus, in der kognitiven Verhaltenstherapie und in der Allgemeinen und in der positiven Psychologie.

Durch tiefes Erfahrungswissen empfehlen diese unterschiedlichen Traditionen mit unterschiedlichen Vorgehensweisen
– die eigenen Gefühle und Impulse wahrzunehmen ohne gegen sie anzukämpfen und
– sie aus einer gewissen Distanz zu sehen, sich nicht mit ihnen zu identifizieren.

Unser innerer Navi

Gefühle sind ein Ortungssystem für Erfahrungen und geben uns eine schnelle Orientierung, ob wir uns einer Situation nähern oder zurückziehen sollten. Dieses System arbeitet unterhalb unserer Bewusstseinsschwelle und ist für uns nicht direkt erreichbar. Dummerweise hat dieses Ortungssystem eine Schlagseite: es bewertet unangenehme Gefühle als wichtiger als angenehme. Wir nehmen unangenehme Gefühle deutlicher wahr und erinnern uns besser an sie. Das kann unsere Erleben verdunkeln.

Der Grund dafür ist, dass unsere Gefühle nach heutigem wissenschaftlichen Verständnis vor allem unser Überleben sichern: sie informieren uns darüber, wie unsere aktuelle Situation gerade aussieht, wie erfolgsversprechend unsere Handlungen gerade sind und in welchem Zustand unsere Mitwelt ist. Man kann sie mit einem Navigationsgerät vergleichen: sie machen deutlich, wo wir uns befinden und wie das Gelände vor und hinter uns aussieht.1

Die Koordinaten des Navigationsgerätes sind angenehm/unangenehm und hohe/niedrige Erregung. Ein Beispiel gibt die nebenstehende Abbildung.

Deshalb ist der vierte Löffel Eis nicht mehr so lecker wie der erste: er vermittelt keine wesentliche neue Information und damit keine Erregung. Anders ist es, wenn wir uns auf den Genuss konzentrieren und ihn dadurch verstärken.

Gefühle als Hilfsmittel zur Entscheidung

Emotionen geben uns den Impuls, aktiv zu werden: wirkt etwas anziehend auf uns, nähern wir uns oder bleiben dabei.  Erscheinen die Dinge gefährlich oder unangenehm zu werden, möchten wir etwas verändern. In jedem Fall unterstützen sie uns dabei, Entscheidungen zu treffen.

Damit wird erreicht, dass wir die vom Gefühl ausgedrückten Hinweise ernst nehmen und uns gleichzeitig unser Verhalten nicht von ihm diktieren lassen.

„Gefühle gehören zu den machtvollsten und effektivsten Instrumenten, die wir haben, um gute Entscheidungen zu treffen“ sagt Prof. David DeSteno. Sie „existieren aus einem Grund: um zu beeinflussen, was als nächstes passiert. Sie sind vergleichbar mit geistigen Abkürzungen. Sie helfen dem Gehirn vorherzusagen womit es gleich umzugehen hat und sich daran anzupassen. Emotionen können unseren Körper beeinflussen, indem sie unseren Herzschlag oder unseren Atemrhythmus beeinflussen um uns auf Aggression, Flucht oder Wettbewerb vorzubereiten. Sie können unsere Aufmerksamkeit und Wahrnehmung von Dingen um uns herum verändern , sodass wir uns besser auf das konzentrieren können, was wichtig ist. … Emotionen können unsere Entscheidungen beeinflussen indem sie unsere mentalen Berechnungen ‚optimieren‘ “ (David DeSteno , Psychologieprofessor und Chefredakteur der Zeitschrift „Emotion“). Sie sind die Grundlage unserer Werte und unserer Weltsicht.

Fast jede Entscheidung, die wir treffen, basiert auf der Annahme, wie wir uns in der Zukunft fühlen werden.

Robert Biswas-Diener und Todd Kashdan

Unser Gefühls-Navi wird geeicht durch unsere Erfahrungen, den selbst gemachten und den durch Kultur und Sprache übermittelten.

Deutlich wird das in einem Bericht von Sonja Lyuobomirsky3. Sie hat untersucht, was Menschen in der USA und Menschen in Russland mit Glück verbinden. Die Ergebnisse sind beeindruckend:

Die Glücksvorstellungen von Amerikanern sind eher konkret. Glück ist für sie verbunden mit Familie, Einkommen, Erfolg und Spaß im Leben. Das Glücksverständnis von Russen ist anders. Da geht es um sprirituelle Erlösung, eine Welt des Friedens oder eine Welt der Schönheit. Häufig wurde in Russland auch als Glücksvorstellung das gegenseitige Verständnis zwischen Menschen genannt. Der Bezugspunkt ist also weniger der einzelne Mensch, sondern der Mensch in Verbundenheit. Ähnliches findet man in anderen kulturvergleichenden Studien.

Umgang mit Gefühlen

Das Soziale und das Physische sind durch unseren Körper und unser Gehirn also eng verbunden. Deshalb ist es empfehlenswert, die eigenen Gefühle nicht im Hinblick auf die Mitwelt für „wahr“ zu halten, sondern als Ausdruck unserer subjektiven Annahmen. Wann immer möglich, können wir ihre Interpretation des Erlebten im Austausch mit unserer Mitwelt überprüfen.

Weil Gefühle eng mit Gedanken verbunden sind, ist es empfehlenswert

  • achtsam mit seinen Gefühlen umzugehen: sie wahrnehmen ohne uns in ihnen zu verlieren
  • seinen Wortschatz zur Bezeichnung von Gefühlen zu verfeinern: das erleichtert die Wahrnehmung
  • positive Gefühle bewusst zu kultivieren, um im Alltag einen größeren Anteil an schönen Erlebnissen zu haben
  • alle Gefühle als Ausdruck unserer körperlichen Bedürfnisse wertzuschätzen
  • Gefühle anderer Menschen ebenso als Ausdruck ihrer Bedürfnisse wahrzunehmen

All das ist auch hilfreich für gute Beziehungen.

 

Quellen

David DeSteno, Emotional Success, London, 2018, S. 7 und 36f
Lisa Feldman Barrett: How Emotions Are Made: The Secret Life of the Brain, Houghton Mifflin Harcourt, 2017
Eckart Tolle, The Power of Now, Vancouver 1999, S. 27
Du bist Deinen Gefühlen nicht ausgeliefert – Du erschaffst sie, TED-Talk mit Lisa Feldman Barrett mit deutschen Untertiteln
Geschichte der menschlichen Gefühle, TED-Talk mit Tiffany Watt Smith mit deutschen Untertiteln

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