Aktualisiert am 6. Mai 2024


Das Du ist älter als das Ich

Friedrich Nietzsche , Philosoph

Wieso war das Miteinander während der Evolution die Stärke des Menschen?

Meine Vorstellung von menschlicher Evolution wurde ziemlich durcheinander gerüttelt. Wenn ich früher an Evolution gedacht habe, hatte ich Bilder im Kopf, wie sich Tiere immer weiterentwickeln. Vom Einzeller zum Säugetier. Vom Affen zum Menschen. Tiere, deren Körper und Fähigkeiten immer besser an ihre Umwelt angepasst werden. Es waren Bilder einzelner Tiere.

Miteinander - diese wichtige Fähigkeit ist in der typischen Darstellung der Evolution vom Menschen zum Affen nicht sichtbar.
Photo by Eugene Zhyvchik on Unsplash

In der körperlichen Stärke lag die Besonderheit der Menschen ja nicht gerade. Körperlich ähneln wir sehr stark den Schimpansen. Auch in kleinen Gruppen sind unsere typischen Verhaltensweisen denen der Schimpansen sehr ähnlich. Der Vorteil entsteht, durch die Kooperation menschlicher Gruppen mit anderen Gruppen. Dadurch werden die menschlichen Wirkungsmöglichkeiten vervielfacht.

200.000 Jahre lang verhalf uns das zur Fähigkeit unser Überleben zu sichern und große Tiere wie Mammuts oder Herden von Wildpferden erfolgreich zu jagen. Kein moderner Mensch kann sein Leben weiterleben ohne Tausende von anderen Menschen, die die Rahmenbedingung dafür ermöglichen.

Der geheimnisvolle Kitt, der eine große Zahl von Individuen, Familien und Gruppen zusammenhält, ist der eigentliche Unterschied zwischen uns und den Schimpansen.

Yuval Noah Harari

Die besondere menschliche Art des Zusammenlebens war unsere Stärke. Das, was Yuval Harari den „geheimnisvollen Kitt“ nennt, ist uns angeboren, ist genetisch verankert.

Was hat das Miteinander in großen Netzwerken mit Vererbung zu tun?

Evolutionärer Erfolg ist die vorteilhafte Anpassung an Umweltbedingungen. Die langen Hälse der Giraffen, die Flecken im Fell vieler Tiere, all das hat ihnen geholfen, in ihrem Lebensraum besser zu überleben. Wir Menschen leben seit 40.000 Jahren miteinander in den unterschiedlichsten geographischen Regionen. An welche Umwelt haben wir uns angepasst?

Es gab einen systematischen Einfluß, der immer und überall vorhanden war: unser mitmenschliches Umfeld.

Der Soziologe und Mediziner Nicholas Christakis beschreibt die gesellschaftliche Struktur, aus der der „geheimnisvolle Kitt“ entsteht. Sie hat in allen bekannten menschlichen Kulturen die gleiche Struktur und prägt jeden Menschen:

  • Wir kooperieren mit anderen Menschen, lernen voneinander und teilen unser Wissen
  • Wir haben langfristige Beziehungen zu Freunden und zur eigenen Familie
  • Wir bilden Gruppen, denen wir uns zugehörig fühlen und deren Mitglieder wir gegenüber Fremden bevorzugen.
  • Die Gruppen sind hierarchisch aufgebaut und die Menschen mit den meisten Beziehungen innerhalb der Gruppe haben Leitungsfunktionen
  • Im Unterschied zu allen anderen Tierarten schließen sich Gruppen zu Gemeinschaften von tausenden Menschen zusammen, um miteinander etwas zu erreichen (Insekten folgen einem vorgegebenen Verhaltensmuster, das nicht abgewandelt werden kann)

Einiges davon gibt es auch bei Tieren. Was es eher selten bei Tieren gibt, sind langfristige Bindungen an andere Artgenossen, die nicht der Fortpflanzung dienen.

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Grafik von Davide Bonazzi – https://elifesciences.org/subjects/evolutionary-biology – CC-BY

Abweichungen von dieser Struktur führen mittel- und langfristig zu Mißerfolg im Zusammenleben. Wir Menschen kommen nicht miteinander klar und gewalttätige Konflikte treten verstärkt auf.

Wie wirkt sich soziale Vererbung in unserem Alltag aus?

Menschen sind einzeln nicht vorstellbar.

Norbert Elias

Wie entsteht eine Gruppe?

Wenn du in eine neue Umgebung kommst, wirst du folgenden Prozess beobachen können:

  • ihr kommt zusammen, um miteinander etwas zu unternehmen, z.B. bei einer Urlaubsreise oder einer Weiterbildungsveranstaltung. Wenn sich alle noch nicht kennen, sind sie zunächst eine Zeit lang offener dafür, neue Beziehungen einzugehen. Sie fangen an, miteinander zu reden und Kontakt zu suchen.
  • Zuerst entstehen vereinzelte Paare, aufgrund von gemeinsamen Aufgaben oder Interessen. Später kommen Einzelpersonen oder andere Paare dazu und bilden eine kleine Gruppe.
  • gemeinsame Aktivitäten wie Spiele, Musik oder Gesang helfen dabei, den Zusammenhalt der Gruppe zu stärken. Sie sollten an den Vorlieben der Beteiligten orientiert sein.
  • Um miteinander aktiv zu werden, braucht die Gruppe eine Leitungsperson, die mit allen Beteiligten gut vernetzt ist. Für ein gutes Gelingen sollte sie freundlich und kooperativ sein und keine Konflikte anzetteln oder stärken.
  • Damit der soziale Zusammenhalt dauerhaft wird, brauchen die Beteiligten das Gefühl, für die Gruppe wichtig zu sein. Und die Gruppe muss auch für mich wichtig sein. Dazu hilft eine emotionale Verbindung aufgrund einer gemeinsamen Geschichte oder ähnlicher Erfahrungen.

Dieser Prozess läuft in jeder Kultur ab, wenn auch sicherlich mit unterschiedlicher Einfärbung. Unser soziales Erbe bewirkt in uns den Wunsch nach Miteinander, nach Verbundenheit mit andern Menschen. Er wirkt sich aus auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden.

Schattenseiten des Miteinanders in einer Gruppe

Dass gut vernetzte starte Gruppen nicht nur Vorteile haben, weiß jeder, der mal umgezogen ist und Schwierigkeiten hatte, neue Freunde zu finden. Denn dann sind die Menschen eben nicht so offen, wie in der Phase der Gruppenbildung. Sie haben schon ihre Leute und müssen erstmal überzeugt werden, bevor sie jemanden „reinlassen“.

Auf gesellschaftlicher Ebene gibt es auch Gefahren, die auf das Konto der sozialen Vererbung gehen

  • Je mehr wir uns mit einer Gruppe identifizieren, um so eher können wir unsere Eigenständigkeit einbüßen. Wir orientieren uns an den Gruppennormen, verlieren unsere Selbstwahrnehmung und unser Gefühl für das eigene Handeln. Zusammen mit einer Gruppe können wir Dinge tun, die wir allein nicht getan hätten und die wir später bereuen.
  • Starke Identifikation mit einer Gruppe kann auch zu Abgrenzungen gegenüber einer anderen Gruppe führen. Das ist die Grundlage aller Vorurteile.

Es ist wie bei vererbten Anfälligkeiten für Krankheiten: das Übel muss nicht auftreten, es ist vom Umgang mit dieser Gefahr und von der Mitwelt abhängig. Zwei Sichtweisen helfen, dieses „Stammesdenken zu überwinden“:

  1. jede und jeder von uns hat mehrere Identitäten. Ich bin z.B. Mutter, Oma, Ehefrau, Psychologin, Chorsängerin, Frankfurterin, Solopreuneurin, Rentnerin, Mitglied bei Psychologists for Future, Deutsche, usw.
  2. wir sind alle Teil der Menschheit und sollten unser gemeinsames Erbe berücksichtigen

Was hat soziale Vererbung mit deinem Selbstbild zu tun?

Obwohl wir alle Teil von riesigen Netzwerken sind, fühlen wir uns immer wieder allein. In der westlichen Kultur hat das auch mit unserer Vorstellung davon zu tun, was einen einzelnen Menschen von anderen unterscheidet.

miteinander hat eine andere Qualität, wenn man sich als Mittelpunkt der Welt siehst, abgegrenzt von allem anderen.
Die Person im Kreis hat keine Überlappungen mit dem Umfeld

Wir sehen uns als unterschieden und getrennt von unserer Umwelt. Was uns umgibt, sind Subjekte oder Objekte, die mit unserem Selbst keine Überschneidung haben.

Wir können mit ihnen in Beziehung treten, aber sie gehören nicht zu unserem Selbst.

Eine andere Vorstellung ist in Gemeinschaftskulturen prägend. Dort ist die Mitwelt nicht so klar abgegrenzt vom Selbst. Ihre Eigenschaften, Wünsche und Werte können sich mit dem Selbstverständnis überschneiden. Das Miteinander in der Gruppe oder Familie hat ein stärkeres Gewicht als in westlichen Kulturen.

Grafische Darstellung eines Menschen, der in Kontakt mit seiner Mitwelt ist.
Die Person ist nicht völlig abgegrenzt vom Umfeld.

Und ja, Autonomie ist nach den Erkenntnissen der stark westlich geprägten Psychologie ein Kernbedürfnis und gehört zu unserem inneren Kompass. Ich möchte wissen, was ich will, was ich brauche und mich dann darum kümmern können.

88% der Menschheit gehört zu Gemeinschaftskulturen in Südamerika, Afrika oder Asien. Menschen aus dieser Kultur erleben sich als weniger abgegrenzt gegenüber anderen. Und das zeigt sich nicht nur im Verhalten und miteinander Reden, sondern auch im Gehirn. Das hat nichts mit Vererbung zu tun. Denn unser Selbstverständnis ist geprägt von den Beziehungserfahrungen der Kultur, in der wir aufwachsen.

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Die Balance von Miteinander und Autonomie

Für mich sind Selbstständigkeit und Autonomie sehr wichtig. Sie sind auch keineswegs selbstverständlich. Freiheitsrechte, wie z.B. ohne Einwilligung meines Ehemanns über meine Berufstätigkeit zu bestimmen, sind für mich unverzichtbar. Autonomie ist nach den Erkenntnissen der (westlich geprägten) Psychologie ein Kernbedürfnis und gehört zu unserem inneren Kompass. Ich möchte wissen, was ich will, was ich brauche und mich dann darum kümmern können.

Wenn ich überlege, ob ich meinen Abend zusammen mit anderen verbringen möchte oder allein, dafür aber zu 100 Prozent nach meinen eigenen Vorstellungen, kann es passieren, dass ich zuhause bleibe. Vielleicht treffen sich „die anderen in einer Kneipe“, die ich nicht mag oder es ist mir gerade zu anstrengend, dorthin zu kommen. Es gibt ja auch immer mehr Unterhaltungsmöglichkeiten, für die ich keinen Fuß vor die Tür setzen muß.

Weil wir glauben, etwas entweder nach eigenen Vorstellungen gestalten zu können oder zusammen mit anderen, wählen wir in individualistisch geprägten Gesellschaften häufig die erste Möglichkeit.

Kurzfristig ist das ok. Mittel- bis langfristig kann es dazu führen, dass Freundschaften abbröckeln und Netzwerke zur gegenseitigen Unterstützung sich auflösen. – Mehr dazu habe ich in meinem Artikel Was bedeutet Freundschaft geschrieben.

Schon sehr früh … war ich mir bewusst, dass die Vorstellung des vereinsamten Menschen zwar als Erlebnis gewiss eine Realität ist, aber dass in Wirklichkeit jeder Mensch von Grund auf von anderen Menschen abhängig ist. Und dieses Problem der wechselseitigen Abhängigkeit der Menschen voneinander und wie man es besser gestalten kann, als es gegenwärtig ist oder war, dieses Problem war sehr zentral für mein Denken.

Norbert Elias

Möglicherweise unterschätzen wir Westler auch den Einfluss, den unsere soziale Umwelt tatsächlich auf uns hat – ob wir es merken oder nicht. Weil es nicht zu unserem Selbstverständnis passt. Viele psychologische Studien zeigen, dass wir alle in großem Maße dafür anfällig sind, uns von einer Gruppe mit einheitlichem Verhalten beeinflussen zu lassen.

Es wäre eine gute Idee, sich dessen bewusst zu sein.


Warum ein gutes Miteinander uns helfen kann, den Klimawandel abzuschwächen

Wir stehen vor großen Veränderungen – als Gesellschaft und als Einzelne. Auch wenn viele Menschen das gerade noch versuchen auszublenden.

Ich spreche vom Klimawandel. Nur miteinander können wir ihn abschwächen. Als Einzelne sind wir dazu nicht in der Lage. Sparlampen und E-Autos werden nicht reichen. Wir brauchen dafür einen umfassenderen Wandel. Und dafür müssen wir auch miteinander mutig sein.

Es gibt Gründe für Optimismus:

1. Weltweit helfen sich Menschen gegenseitig, wenn es drauf ankommt.

Das haben wir aus der COVID-19 Pandemie 2020/21 gelernt (World Happiness Report 2022). Wir können es auch in der Flüchtlingshilfe beobachten. Wir Menschen werden dann aktiv für andere, wenn die Notsituation in unserer Nähe stattfindet, wir Mitgefühl empfinden und wenn wir eine Idee haben, was wir tun können.

Je größer die öffentliche und private Bereitschaft zum Teilen in einer Gesellschaft, desto länger leben ihre Mitglieder im Durchschnitt.

Es wurde für 34 Länder belegt: Gegenseitige Unterstützung ist sehr wirksam!

Es geht nur miteinander: Mein Wohlergehen ist abhängig von dem der Menschen um mich Ubuntu

2. Nur 3,5-4 Prozent der Bevölkerung sind nötig für maßgebliche Veränderungen

Klingt das in deinen Ohren unglaubwürdig? Ich finde es sehr erstaunlich. Hintergrund dieser steilen These sind Studien der Harvard-Professorin Erica Chenoweth. Sie hat untersucht, durch wieviel Beteiligung der nationalen Bevölkerung gewaltfrei wichtige Veränderungsprozesse in den letzten 200 Jahren angestoßen wurden, wie z.B. das Frauenwahlrecht einzuführen.

Klar, diese Minderheit liefert (nur) den Anstoß, aus dem dann eine Mehrheit geworden ist. Ganz wichtig: es ist kein Selbstläufer, es „entwickelt sich“ nicht. Wir müssen viel miteinander reden und dafür tun. Aber wenn Menschen in dieser Größenordnung tatsächlich miteinander arbeiten für eine nachhaltige, enkeltaugliche Zukunft, würde es wahrscheinlich klappen. Je mehr um so besser.

Konkrete Schritte gehen, um für Nachhaltigkeit aktiv zu werden

Falls du dich fragst, welchen Beitrag du zur Förderung der Nachhaltigkeit leisten möchtest und was zu dir und deinem Lebensstil passt, findest du auf dieser Website Antworten:

Wenn du Fragen hast, oder einfach mit jemandem darüber sprechen möchtest, vereinbare gerne ein Gespräch mit mir oder mit Kolleg*innen von den Psychologists for Future.

Quellen