Einstellungen und HaltungenGefühle

Wenn die innere Stimme uns blockiert

Menschen laufen mit einem großen Schatten

Oft begrüßt mich morgens eine innere Stimme, die auflistet, was alles “zu tun ist”. Wenn ich ihr folge, ist der Tag bestimmt durch Abarbeiten von Aufgaben, ohne eigentlich wirklich Lust dazu zu haben. Und verbunden damit der Impuls, den inneren Schmerz darüber beiseite zu schieben.
Im Tanz der Flexibilität geht es zuerst um die Auflösung der Verstrickung, der Verstrickung in unsere Gedanken und Gefühle. Es geht darum, die innere Stimme mit Abstand wahrzunehmen, das Unangenehme zuzulassen, ohne es sofort wegzuschieben. Das erfordert Übung, denn weil wir Eindeutigkeit und Stimmigkeit in unserem Innenleben haben wollen, hätten wir gern eine klare, vertrauenswürdige, innere Stimme. Wir wollen wissen, was wir wirklich glauben und was wirklich wahr ist. (1) Deshalb wollen wir Widersprüchliches und Unangenehmes einfach weg haben.

Gedanken bewusst wahrnehmen

Wenn wir darüber nachdenken über das, was richtig oder passend ist, kann das aber eher ins Grübeln führen als zu einer sinnvollen, für uns akzeptablen, Lösung. Wenn wir unangenehme, irritierende Gedanken haben, macht die bewusste Entscheidung Sinn, ob wir es für nützlich halten, uns damit auseinanderzusetzen.

Die innere Stimme hinterfragen

Wenn wir uns mit einem Gedanken näher beschäftigen wollen, macht es Sinn zu überprüfen:

Welche Beweise gibt es dafür, dass der Gedanke richtig ist?

Ganz oft denke ich, nachdem ich etwas abgeschlossen habe: “was musst du jetzt als nächstes machen?” Inwiefern ist dieser Gedanke richtig oder falsch? Tatsächlich stimmt seine Voraussetzung nicht, dass ich jetzt etwas als nächstes machen muss. Ich bin keine Zwangsarbeiterin oder Sklavin. Also gibt es keinen Beweis für diesen Gedanken.

Zu welchen Konsequenzen führt der Gedanke (positiv oder negativ)?

Der Gedanke zieht mich in die Abarbeitung von Aufgabenlisten hinein. In der Konsequenz schließt er die Wahlfreiheit aus, unabhängig von der Aufgabenliste etwas anderes zu tun oder auch nur eine Pause zu machen.

Passt das zu dem, was ich für mich möchte?

Ich möchte nicht im Hamsterrad stecken, sondern den Menschen und Dingen, denen ich gerade begegne, freundlich zugewandt sein. Der Gedanke passt nicht zu dem, was ich möchte.

Gesunde Selbstkritik, die auf reale Korrekturmöglichkeiten und gangbare Handlungsalternativen hinweist, kann unangenehm sein. Und sie ist förderlich, wichtig für unsere Orientierung und unsere Entwicklung. Im Gegensatz dazu hat die Stimme des inneren Kritikers negative Konsequenzen und zieht uns nach unten, führt zu ständigem selbstgemachten Stress. Nachdenken hilft hier nicht weiter. Im Gegenteil. Nachdenken ist die Verführung, dem inneren Kritiker auf den Leim zu gehen und in’s sinnlose und destruktive Grübeln abzurutschen.

Anders ist es, wenn eine innere Stimme etwas Wahres sagt, das positive Konsequenzen hat, denn dann bereichert der Gedanke Ihr Leben.

Freundlich der inneren Stimme widerstehen

Wenn Sie aber nicht in eine Diskussion mit der inneren Stimme hineingezogen werden wollen, weil es eine altbekannte Beschwerde Ihres inneren Kritikers ist und schon früher nichts gebracht hat und, sollten Sie nicht versuchen, den Kritiker durch Argumente zu überzeugen.

Dem Verstand einen Namen geben

Steven Hayes empfiehlt: “Hören Sie Ihren Gedanken ein bisschen zu, und wenn Ihr Geist anfängt zu schwatzen, antworten Sie etwas wie “Danke für diesen Gedanken, George, wirklich vielen Dank!” Wenn Ihre innere Stimme einen Namen hat, ist sie von “Ihnen” unterschieden, eher ein Gegenüber. Der Verstand von Steven Hayes heißt “George”, ich habe meinen “Iris” genannt. Geben Sie Ihrem Verstand einen Namen, der Ihnen passend erscheint.

Wahrscheinlich schlägt Ihr Verstand mit Gedanken zurück wie “Das ist albern” oder mit “Das wird nichts bringen.” Antworten Sie noch einmal mit “Danke für diesen Gedanken, Iris. Ich danke dir. Ich sehe wirklich, dass du versuchst, mir zu helfen.” Sie könnten auch mit zurückhaltendem Interesse zu weiteren Kommentaren einladen: “Hast du noch etwas zu sagen?”

Wichtig ist, dass mit Ihrer inneren Stimme nicht kalt und abweisend sprechen, sonst machen sie neue, für Sie sinnlose Vorschläge zur Problemlösung. Falls das passiert, sollten Sie vielleicht hinzufügen: “Ich verstehe wirklich, dass du versuchst, von Nutzen zu sein, also vielen Dank dafür. Aber ich habe das im Griff.” Wenn Sie allein sind, könnten Sie das sogar laut sagen.

Für mich ist Iris ist wie eine unkündbare Mitbewohnerin, mit der ich möglichst in Frieden zusammenleben will, ohne eigene Lebensqualität zu verlieren. Wenn Iris sagt: “was musst Du jetzt als nächstes machen?” bedanke ich mich bei ihr für ihre Unterstützung und wähle mein Verhalten unabhängig von diesem Druck – zumindest versuche ich das.

Freundlich mit hinderlichen Gedanken und Gefühlen umgehen

Negative, blockierende Gedanken werden immer wieder auftauchen. Wir werden sie nicht los. Denn unsere Gedanken und Gefühle versuchen innere Stimmigkeit zu erzeugen um unser Überleben zu erleichtern. Widersprüchlichkeit und teilweise Zerrissenheit wollen sie in Verständlichkeit und Harmonie umwandeln. Dabei behindern sie teilweise, was “wir” im Leben eigentlich wollen. Sie sind eine Auswirkung der menschlichen Fähigkeit, zu sprechen und zu denken. Deshalb macht es überhaupt keinen Sinn, uns selbst gegenüber ärgerlich zu werden, wenn sie hochkommen. Im Gegenteil.

Das kleine Kind

Nehmen Sie einen schwierigen Gedanken, der weit in Ihre Lebensgeschichte zurückreicht. Stellen Sie sich so jung vor, wie Sie können, während Sie diesen oder ähnliche Gedanken haben. Nehmen Se sich ein bisschen Zeit um sich vorzustellen, wie Sie in diesem Alter ausgesehen haben, wie Ihr Haar war, wie Sie angezogen waren.

Dann, lassen Sie in Ihrer Vorstellung diese Worte von dem Kind sagen, mit einer Kinderstimme. … Und dann konzentrieren Sie sich darauf, was Sie tatsächlich in so einer Situation machen würden, wenn Ihr Ziel wäre, für das Kind dazusein. Malen Sie sich aus, wie Sie dem Kind helfen, vielleicht auch durch eine Umarmung. Dann fragen Sie sich selbst: “Wie kann ich das sinnbildlich jetzt für mich tun?” und schauen Sie, ob hilfreiche Ideen in Ihnen hochkommen.“

Wirkung der Übungen

Wenn wir lernen, uns aus der Verwicklung in unsere negativen Gedanken zu befreien, können wir ihre Energie darauf ausrichten, uns sanft von unserer realen Erfahrung leiten zu lassen. Das “öffnet eine Tür zu unserer Veränderungskraft und erlaubt uns, unsere wenig hilfreichen Gedanken anzuerkennen. Gleichzeitig schlagen wir einen Kurs ein, der über sie hinausgeht. “(2)
Um das zu erreichen, sollten wir In den ersten Wochen die Übungen mindestens einmal täglich wiederholt ausführen. Und wir setzen sie jedesmal ein, wenn wir merken, dass wir uns in einen Gedanken verstricken. Ich verbringe inzwischen weniger Zeit mit dem Hinterfragen meiner Gedanken und mehr im Kontakt mit Iris. Denn sie ist am Ende nicht besonders kreativ. Sich die Zeit für das kleine Kind zu nehmen, ist für mich herausfordernder, weil ich gewohnt bin, negative Gefühle von mir wegzuschieben.
Deshalb ist die Entwicklung von mehr Akzeptanz für unangenehme Gefühle sehr wichtig für mich. Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag.

Quellen

  1. vgl Steven Hayes: A Liberated Mind, S. 151f
  2. vgl Steven Hayes, aaO, S. 149f
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Ruth Habermehl

Ich heiße Ruth Habermehl, lebe mit meinem Mann in Frankfurt und habe das Glück, dass meine beiden Enkel und ihre Eltern nebenan wohnen.
Als Dipl.-Psychologin bin ich begeistert von der Wissenschaft der Lebensfreude und baue an einer Community, damit wir uns gegenseitig auf Wegen zum guten, erfüllten Leben unterstützen können.
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